Rooses, Max
Geschichte der Malerschule Antwerpens: von Q. Massijs bis zu den letzten Ausläufern der Schule P. P. Rubens — München, 1881

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Quinten Massijs’ Nachfolger. — Die bürgerliche
Schule des XVI. Jahrhunderts.

o grofs die Bedeutung Quinten Maffijs’ für fich felbft betrachtet
ift, und fo gewichtig die von ihm in der Gefammtentwick-
lung der Kunft gefpielte Rolle bei gröfserem Horizonte be-
trachtet erfcheint, fo überrafchend gering und beinahe un-
merkbar ift der Einflufs auf feine nächfte Umgebung und
feine unmittelbaren Nachfolger. Während wir Weltmann
und Thaufmg* gerne beipflichten, wenn der erftere behauptet,
dafs der gröfste deutfehe Maler, Holbein, in feinen fpäteren
Schöpfungen den Einflufs Quinten Maffijs’ verrathe, und wenn der andere in
Dürer’s nach dem Antwerpen’fchen Aufenthalt gemalten Werken den Eindruck
wieder findet, den Maffijs’ Art auf den genialen Nürnberger hervorbrachte, fo
macht fleh dagegen der unmittelbare Einflufs des Malers der Grablegung auf
die Antwerpen’fche Malerfchule kaum bemerkbar, und es follte erft mehr als
ein halbes Jahrhundert nach feinem Tode verlaufen, ehe aus dem Samen, den
er gefät hatte, reife Früchte erwuchfen. Der Grund diefer widerfprechenden
Erfcheinung liegt nicht in ihm, fondern in feiner Zeit. Er trat in einem Augen-
blick auf, in welchem die neuere Auffaffung mit der älteren im Kampfe um
die Exiftenz lag, in welchem wie immer die ältere das Leben einbüfste, und
Maffijs, zwar keineswegs ein fclavifcher Nachfolger der früheren Meifter, aber
doch ihr direkter Geiftesverwandter, theilte auch ihr Schickfal. Seine Spur wurde
verlaffen zu Gunften anderer Wege, feine Lehre vergeffen zu Gunften anderer
Syfteme.

Er glänzte am Himmel der Kunft, wie die Abendfonne im Wellen: fo
herrlich ihre Gluth, fo zauberhaft ihre Farben auch find, fo ift doch beides be-
ftimmt nach kurzem Glanze fleh im Dunkel zu verlieren und dann durch ein
neues Morgenroth und ein neugebornes Licht erfetzt zu werden.

Zu den wenigen Künftlern, die wir als Nachfolger von Maffijs nennen
können, gehört an erfter Stelle fein Sohn »Jan Maffijs derAeltere«. Ich glaube
der erfte zu fein, der in der Kunftgefchichte den Altersbeinamen anfügt, thue

A, Woltmann, Holbein, Lpz. 1874. I. S. 367. M, Thaufing, Dürer, Lpz. 1876, S. 415*
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