Rooses, Max
Geschichte der Malerschule Antwerpens: von Q. Massijs bis zu den letzten Ausläufern der Schule P. P. Rubens — München, 1881

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XII.

Die Kleinmeister des 17. Jahrhunderts.

ie die Meifter der Schule des Rubens in ihrer Blüthe und
Nachbliithe, womit wir uns im vorletzten Kapitel befchäftigt,
fo haben auch die bis auf einen gewiffen Punkt unabhängig
bleibenden Kiinftler, die im letzten Capitel dargeftellt worden
find, mit dem grofsen Meifter das gemein, dafs fie vor-
zugsweife religiöfe, fupranaturaliftifche Scenen geben, und
dafs fie, wenn fie zur Erde niederfteigen, auch hier die
Menfchen in ihrer gröfsten Kraft und glänzendften Schön-
heit, wie in ihrem edelften Streben zeigen. Dafs hiebei
allmälig die Beobachtung der gewöhnlichen Menfchennatur in ihrem alltäg-
lichen Handel und Wandel verloren gehen mufste, dafs die Schulüberlieferung mit
ihren hochgehaltenen und angelernten Auffaffungen an die Stelle der klaren Wahr-
nehmung der Wirklichkeit, diefes höchften Kennzeichens der niederländifchen
Kunft treten mufste, verlieht fich von felbft, und es konnte nicht ausbleiben, dafs
die grofsartigen kühnen Geftalten zu leeren conventionellen Formen herabfinken
mufsten. Darin lag die Gefahr für die Nachfolger des Rubens, wie es das Ge-
fährliche in der Nachfolge jedes Meifters ift, wer es auch fei.

Diefe Kunftrichtung war jedoch nicht die einzige Antwerpens. Neben
dem langen Zuge der hochtrabenden Kiinftler, die mehr oder weniger in den
Wolken lebten, zieht fich eine noch längere und dichtere Reihe von Malern
durch das 17. Jahrhundert hin, die auch das Geringere und Geringfte der Natur
nicht zu gering erachteten, um beobachtet und nachgebildet zu werden. Die
Beftrebungen, welche fich im 16. Jahrhundert in der Schule der Brils und
Brueghels geltend gemacht, wurden auch durch die Kiinftler des 17. Jahrhunderts
fortgefetzt, die Beobachtung der Wirklichkeit ward bei ihnen fogar noch intimer,
das Intereffe an allem ins Bereich des Auges wie des Geiftes fallenden viel-
feitiger und allgemeiner.

In diefen Malern lebte demnach ein anderer Aft des niederländifchen
Kunftftammes fort; fie fchufen ihre kleineren Bilder nicht für Kirchen und
öffentliche Gebäude, fondern für die Stube, wie fie ihre Helden nicht im
Himmel und in den Paläften, fondern in bürgerlichen Wohnungen oder auf
dem Lande fuchten. Während Rubens’ Schule mehr mit der füdlichen Richtung
verwandt ift, welche Feftlichkeit und Pracht liebt, fo fchlofsen fich die Klein-
meifter näher an die Nord-Niederländer, die vorab bürgerlich und wahrheits-
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