Rooses, Max
Geschichte der Malerschule Antwerpens: von Q. Massijs bis zu den letzten Ausläufern der Schule P. P. Rubens — München, 1881

Page: 86
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/rooses1881/0113
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
VI.

ersten Nachfolger der Italiener.

nmittelbar nach Q. Maffijs waren die niederländifchen Künftler
von der Strömung nach Italien ergriffen worden und fie be-
gannen jene Wanderung, welche Jahrhunderte lang, jabis. in un-
tere Tage fortdauerte. Wenn man aber gegenwärtig allgemein
begreift, dafs das Studium der fremden Meifter mit weifer
Wahl, fall mit Mifstrauen begonnen werden miifse, fo dachte
man zu Anfang des 16. Jahrhunderts am allerwenigften an
Vorficht und Befchränkung. Italien hatte alle Herzen er-
obert; und wie einft durch unfere Lande der Ruf: „Nach Jerufalem! Gott will
es!“ erfcholl und die Kreuzfahrer unwiderftehlich nach Paläftina forttrieb, fo
klang nun der Ruf wieder: „Nach Italien! die Kunft will es!“ und ebenfo all-
gemein gehorchte man der Parole.

Es war wie ein unheilbarer Sehnfuchtsdrang, welcher unfere Maler im
Beginn des XVI. Jahrhunderts ergriff und ihnen weder Raft noch Ruhe liefs,
ehe fie das Land ihrer Träume erreicht hatten. Da war kein Opfer zu viel:
Die einen gingen zuFufs, unterwegs um das tägliche Brod arbeitend, andere ver-
zehrten ihre oder ihrer Eltern Sparpfennige, um die Koften zu tragen; viele er-
reichten niemals das Land ihrer Sehnfucht, und einige wollten es nie mehr
verlaffen, als fie einmal dafelbft angelangt waren. Man hat oft diefe Einge-
nommenheit für die Kunft des Südens beklagt; aber mag man fie nun billigen
oder nicht, fie ift jedenfalls leicht zu begreifen.

Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts und in der erften Plälfte des
16. war in Italien eine Reihe unfterblicher Kunftwerke gefchaffen worden, die
Alles hinter fich liefsen, was früher gefehen worden war und die fpäter wohl
noch einmal erreicht, aber nimmermehr übertroffen wurden. Lionardo da
Vinci lebte von 1452 bis 1519, Michel Angelo von 1475 bis 1564, Raffael
Santi von 1483 bis 1520, Antonio Allegri (Correggio) von 1494 bis 1534,
Tizian von 1477 bis 1576. In dem Jahre, in welchem bei Maffijs die Grab-
legung beftellt wurde (1508), begann Michel Angelo das Gewölbe der fixtini-
fchen Capelle zu malen und wurde Raffael von Julius II. nach Rom berufen
um die Säle des Vatican auszufchmiicken.

Die dort blühende Kunft war bedeutend von der niederländifchen ver-
fchieden,. und gerade diefer Unterfchied war ein Reiz mehr für die nördlichen

Die
loading ...