Rooses, Max
Geschichte der Malerschule Antwerpens: von Q. Massijs bis zu den letzten Ausläufern der Schule P. P. Rubens — München, 1881

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XIV.

Die Antwerpische Malerschule im 19. Jahrhundert.

it dem ig. Jahrhundert begann für Antwerpen eine Periode
der Wiedergeburt. Die Vereinigung der Niederlande mit
Frankreich von 1795 hatte bereits das Jahr darauf die
Folge gehabt, dafs die Schiffahrt auf der Schelde für frei
erklärt wurde. Dadurch aber war der grofse Lebensquell
der Stadt, der beinahe zweihundert Jahre gefperrt geblieben,
endlich neuerdings geöffnet.

Im Uebrigen hatte das Land von feinem neuen Ober-
herrn fchrecklich zu leiden. Seine Kunftfchätze wurden entführt und uner-
fchwingliche Laften auf die erfchöpften Städte gelegt. Die Jugend ward den
franzöfifchen Armeen einverleibt, um an mörderifchen Feldzügen Theil zu
nehmen, jede Selbftändigkeit als Volk unbedingt in Abrede gefleht, und ein-
heimifche Sprache wie Einrichtungen mit einem Fcderftrich unterdrückt.
Während aber andere Städte der Niederlande bei diefcm Wechfel der Ober-
herrn nur verloren, brachte der neue Stand der Angelegenheiten, obgleich Ant-
werpen feinen vollen Antheil an dem politifchen Unglück zu tragen hatte,
doch auch eine Umwandlung zum Guten mit fich. Denn der Wiedereröffnung
der Schelde folgte die Anlage eines grofsen Kriegshafens zu Antwerpen, welches
längftgefafste Lieblingsprojekt Napoleon kurz nach feiner Kaiferproclamation
zu verwirklichen begann. Docks und Seearfenal von Antwerpen wurden ge-
graben und gebaut, und Kriegsfchiffe gezimmert, wodurch bald wieder Leben
und Bewegung in die Scheldeftadt gebracht war.

In gewöhnlichen Zeiten würden alle diefe neuen Schöpfungen auch den
Handel der Stadt wieder erweckt haben, da aber ununterbrochen der Krieg
wüthete, und die Engländer die Herren der Seemündungen und Feinde des Er-
oberers waren, fo konnte nicht an das Gedeihen der Werke des Friedens
gedacht werden. Erft nachdem die Franzofen vertrieben waren, und die fiid-
lichen Niederlande mit Holland vereinigt das Königreich der Niederlande
bildeten, begann der Handel Antwerpens wieder aufzuleben und die Wohlfahrt
in die Stadt zurückzukehren.

Die Revolution von 1830 verurfachte eine zeitliche Unterbrechung in
diefem Fortfehritte, als aber die Aufregung fich gelegt hatte, und Antwerpen
der grofse Seehafen des jungen unabhängigen Belgien geworden war, fchlug
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