Rooses, Max
Geschichte der Malerschule Antwerpens: von Q. Massijs bis zu den letzten Ausläufern der Schule P. P. Rubens — München, 1881

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Charakter der niederländischen und der
Antwerpen’schen Malerschule.

n zwei Ländern Europa’s hat die Malerei ihren Doppel-
thron aufgefchlagcn: in Italien, welches im Reiche der
fchönen Kiinfte über die Völkergebiete romanifcher Ab-
ftammung herrfcht, und in den Niederlanden, welche hierin
den Vortritt haben unter den Völkerfchaften germanifchen
Blutes.

Diefe Thatfache ift unbezweifelt; Schriftfteller und
Kenner aller Länder und Zeiten haben iie beftätigt und dargelegt und die be-
rufenften Forfcher wie Millionen von Befuchern aller Kunttfammlungen der
Welt geben ihr täglich laut Zeugnifs.

Ebenfo unwiderfprechlich ilt es, dafs es in den Niederlanden keine
Stadt giebt, in welcher die Malerei fo ununterbrochen blühte und fo viel
unübertroffene Meifterwerke hervorbrachte, als Antwerpen. Theilen die Nieder-
lande und Italien miteinander den erften Rang in der Kunstwelt, liehen dann die
beiden Hälften, in welche lieh die erfteren vor annähernd drei Jahrhunderten
gefpalten, auf gleicher Höhe an Kunftruhm, fo fiel an Antwerpen feinerfeits
das eine Vorrecht, als erfte Kunftftadt in der germanifchen Welt keinen Neben-
buhleranfpruch beforgen zu dürfen. Wohl gedieh innerhalb Brügge’s Mauern
eine frühere Schule, wohl blühten zu Haarlem und Amfterdam in einem ge-
wiffen Zeitpunkt gröfsere Künfller und zahlreichere Kunftfächer; aber Ant-
werpen bleibt die Ehre, vier Jahrhunderte lang die Heimats- und Aufenthalts-
ftätte einer dichten Reihe ausgezeichneter Meifter gewefen zu fein, und von
Quentin Massijs an unter einem Frans Floris, Rubens, van Dijck, Jordaens,
Teniers, und unter den Nachfolgern diefer bis zu den Malern unferes Jahr-
hunderts herab ununterbrochen eine glänzende Stelle in der niederländilchen
Kunfhvelt bekleidet zu haben.

Es wurden bereits Bücher voll über die Fragen gefchrieben, warum die
Malerei in diefer und nicht in jener Stadt, in diefem und nicht in einem anderen
Lande geblüht habe, warum ihre Erscheinung je nach Zeit und Ort, je nach
gefellfchaftlicher Entwicklung und nach Culturltand verfchieden gewefen, warum
fie an derlelben Stelle jetzt Fortfehritte und dann wieder Rückl’chritte machte.

Max Rooses, Gefchichte der Antwerpen’fchen Malerfchule. I
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