Rooses, Max
Geschichte der Malerschule Antwerpens: von Q. Massijs bis zu den letzten Ausläufern der Schule P. P. Rubens — München, 1881

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Die älteren Niederländischen Maler,

nfer Gegenftand bringt es nicht mit fich, dafs wir um die
Gefchichte der Antwerpen’ fchen Schule zu fchreiben, zu
den erften Keimen der Malerkunft in unteren Landen em-
porfteigen. Die Gefchichte diefer Anfänge ift übrigens fehr
unficher und ebenfo arm an Thatfachen und Beweifen, als
reich an Vermuthungen und auseinandergehenden Anfichten.
Entfprofs die niederländifche Kunft dem eigenen Boden
und cntftand fie in den Werkftätten der Miniaturmaler, welche in den Per-
gamentbüchern jene fein gezeichneten und klar gemalten Bildchen malten, die

im Kleinen fo fprechend den Malereien der älteren flandrifchen Schule gleichen,
oder entblühte fie allmählig den groben Wandmalereien des Mittelalters, von
welchen fich einige in den Niederlanden erhalten haben?-Oder kamen vielleicht
durch den Handel von Brügge oder durch den Verkehr zwifchen diefer Stadt
und Conftantinopel in den Zeiten der Kreuzzüge Gemälde aus der Hauptftadt
des Griechifchen Reiches hieher, die dann unteren älteren Kiinftlern zum Vor-
bilde dienten, oder endlich entflammen die van Eyck’s, untere erften grofsen
Maler, aus einer Schule, die damals an den Ufern der Maas in Lüttich und

Limburg blühte, und felbft von einer älteren Schule am Rhein fich ableitete?

Das Alles find Fragen, die wir nicht zu unterfuchen haben, auf welche übrigens
lm Augenblicke auch keine befriedigende Antwort gegeben werden kann.

Wir miiffen uns begnügen in kurzen Zügen anzudeuten, welche Höhe die
Malerei in den Niederlanden erreichte, ehe fie zu Antwerpen mit einigem Bei-
fall ausgeübt wurde. Auf diefem Wege werden wir fehen, welche Vorbilder
die älteften Meifter Antwerpens bei ihren grofsen Vorgängern finden konnten
und wie fie den gebahnten Weg verfolgten oder verliefsen.

Die niederländifchen Städte waren im Mittelalter wie bekannt, eine Art
von kleinen Republiken, gefchaffen, verftärkt und bereichert durch die Freiheits-
hebe, den Muth und die Betriebfamkeit ihrer Bewohner; fie hatten thatfächlich
eine unabhängige Stellung, eigene Gefetze und Einrichtungen, befondere Finanzen
und eine ftädtifche Kriegsmacht. Fortwährend nach mehr Freiheiten und Vor-
rechten ftrebend, lagen fie auch beftändig mit ihren eigenen Fiirften, mit der kirch-
lichen Hoheit und mit den Nachbarftädten in Conflict, nicht zu fprechen von den Un-
einigkeiten, welche die Bürger einer und derfelben Stadt unter einander entzweiten.
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