Wiegand, Theodor [Editor]
Palmyra - Ergebnisse der Expeditionen von 1902 und 1917 (Text) — Berlin, 1932

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II. DIE BEFESTIGTEN GUTSHÖFE VON HAZIME UND BAZURIJE

Ich benutzte den Aufenthalt in Palmyra zu Erkundungen in der Umgebung.
Am 24. April ritt ich von Palmyra vormittags 6.15 Uhr in südlicher Richtung ab und kam um 8.10 Uhr an die Quelle von
Useije, deren Abfluß etwa 200m weit als überdeckter antiker Kanal verfolgbar ist. Nach Aussage des mich begleitenden Schech
Khalid von Tudmur hat dieser Lauf nur lokale Bedeutung und hängt weder mit Palmyra noch mit anderen antiken Ortslagen
zusammen. DieVisur nach Palmyra ergab genaue Nordnordwest-Richtung. Um 8.20 Uhr Aufbruch, eine Stunde später stand
ich vor den großen Ruinen von Khirbet Hazime (Plan Tafel 4, Ansichten Tatel 5).

Sie erstrecken sich über einen Raum von etwa 136:96 m, es handelt sich also um eine außerordentlich bedeutende Anlage.
Sie besteht aus Kalksteinquadern mit Mörtel. Die Steine haben jetzt eine goldgelbe Färbung angenommen. Man unterscheidet
bei ihr zwei Teile:

1. Die südöstliche, annähernd quadratische Anlage, die ich der Kürze halber „das Schloß" nenne. Es ist von einer 1,35 m starken
Wehrmauer umgeben, die nur in den Grundlagen vorhanden ist, an deren Südwestecke aber ein 2:6,80 m ausspringender Turm
liegt. An der Südostecke liegt ein ungleich bedeutenderer Turm (12,90:8,40 m) mit zwei Gemächern, deren eines teilweise
nach Osten ausspringt. Dieser einstmals mehrstöckige Turm ist der bei weiten hochragendste Teil der Ruine. In seinem
Inneren erkennt man Reste vom Fußboden eines Oberstockes, dessen Rundhölzer in der Wand stecken. Vier Schieß-
scharten stehen an der Ostseite noch über einander, die nach oben größer werden (Taf. 5 Mitte). Die Mauerdicke des Turmes ist
1,2 5 m. Der Zugang in diesen Schloßbezirk lag im Nordnordost, das Tor (Taf. 5 oben, von Osten) zeigt einen gewölbten Eingang,
über dem noch 6-7 Quaderschichten in dem über die Umfassungsmauer nach Norden vorspringenden Teil vorhanden sind. Die
Kämpfer des Bogens sind aus wieder verwendeten antiken Stücken gebildet, die einen skulpierten Mäanderfries tragen, darüber
ein Perlstab, Eierstab und Plättchen. Als Türsturz auf der inneren Torseite ist ein langes, ebensolches Stück verwendet.
Tritt man in das Innere des Schlosses ein, so gewahrt man halbrechts einen 4 m hohen gewaltigen steinernen Trümmerhaufen
(sichtbar aut Taf. 5 oben, links vomTorbau), unter dem eine anscheinend quadratische Anlage begraben liegt. Südlich davon liegt
ein großer Brunnen, der nach Aussage meines Begleiters stets reichliches Wasser hat und viel von den Beduinen benutzt wird.
Leider ließ sich ohne Ausgrabung der an der Ostmauer liegende Langbau nicht genau bestimmen. Er kann ebensogut ein
Wohnbau wie eine Kirche gewesen sein. Denn daß diese Anlage der nachkonstantinischen Zeit angehört, wird durch zwei
Kreuze am Sturz des Eingangstores und durch mehrere Kreuze am Südost-Turm bewiesen. Die zwei noch aus der Erde
ragenden Reste glatter Kalksteinsäulen haben einen Durchmesser von 54 cm.

2. Die dem Schloß nördlich und nordwestlich vorgelagerte Hof-, Wohn- und Begräbnisanlage.

a) Der Hof (60,50:80,90 m) hat an der Ecke der Umfassungsmauer (Dicke 90 cm) im Nordosten einen kleinen vorspringenden
Turm (4,20:2,80 m), dessen Fundament mit Schotter ausgefüllt ist. Die Südmauer, welche an der Westwand des Schlosses ihr
Ende findet, zeigt 5-6 Räume vorgelagert, deren Eingänge verschüttet sind. Unmittelbar am Eingangsportal des Schlosses
befand sich auch der etwa 5 m breite Zugang zum Hofe, etwa 14 m westlich davon liegt der Brunnen. Kein Zweifel, daß hier
eine große Tränk- und Aufbewahrungsstelle für das Vieh vorliegt, das man über Tag weiden ließ, nachts aber vor Verlaufen,
räuberischem Überfall, Diebstahl und Raubtieren bewahren mußte, und gewiß wird man dabei nicht nur an Rinder, Schafe
und Ziegen zu denken haben, sondern vor allem an den wertvollen Tierbesitz der reichen Karawanenhändler (y.ay.y]Ks\n:opoC)
von Palmyra, den man abends an die Tränke trieb. Man kann sich die an der Südmauer liegende Gemächerreihe leicht als
Stallungen für die neugeborenen Tiere, sowie als Unterkunft für die Knechte und Hirten vorstellen, die sich in der Wache
abwechselten.

b) Die eigentliche Wohnung des Gesindes darf man in dem Komplex östlich des Vieh-Hofes erblicken. Dieser hatte seinen eigenen
Hoi mit vorhandenem Eingang im Süden. In dem links, westlich vom Eingang liegenden Bau kann man zwei gesonderte Woh-
nungen von drei und vier Zimmern erkennen.

c) Dagegen sind die beiden nördlichsten Räume des Komplexes der Grabanlage zuzurechnen, bestehend aus Vorhalle, breitem
Eingang und einem Räume mit 6 Nischengräbern, die wir leider geplündert fanden. Knochen der Inhaber lagen noch umher.
Diese Gräber machen übrigens einen ärmlichen Eindruck, so daß man sicher annehmen darf, daß hier nicht die Herren des
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