Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 28.1934

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BESPRECHUNGEN

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viduellen und kollektiven Komponente überhaupt zur Folge habe. Übrig bleibt also
nur die das Werk aus der „Fernsicht" beurteilende historische Betrachtungsweise.
Nur bei perspektivistischer Einordnung von Person und Leistung in die histo-
rische Situation kann eine zuverlässige Scheidung nach personaler und kollektiver
Seite vorgenommen werden. Hier erst hebt sich das, was „für die Entwicklung und
Entfaltung, für den Fortschritt von entscheidender Bedeutung war", als personales
Element aus der fließenden kollektiven Schicht hervor.

Leider bleibt nun Revesz bei der Feststellung dieses angeblich einzig ertrag-
reichen Standpunktes stehen, ohne von hier aus der Frage nach dem „kulturhisto-
rischen Zusammenhang" näherzutreten; und es zeigt sich, daß das Ergebnis der
Betrachtung kaum neue Gesichtspunkte für das Verhältnis des Schöpferisch-Per-
sönlichen zum Kollektiven erschließt. Vor allem vermisse ich die Behandlung des
Stilproblems, worüber im Sinne des vorliegenden Themas bereits recht beträchtliche
Vorarbeit geleistet ist. Eine stilphänomenologische Beleuchtung des Themas hätte
auch zwangsläufig der „werkobjektiven Nahansicht" ihren recht bedeutenden Anteil
an der methodologischen Orientierung einräumen müssen.

Berlin. Rudolf Odebrecht.

Hedwig Dorosz: Grundlegung der Ästhetik. Beiträge zur Päda-
gogik und Psychologie, herausgegeben von G. F. Lipps in Zürich. Heft 12.
(Friedr. Manns Pädagogisches Magazin.) Langensalza 1931. 74 S.
Nach einem kritisch-historischen Teil (40 S.) und einem Bericht über die Wir-
kensphilosophie G. F. Lipps' (17 S.), dem sich die Verfasserin weltanschaulich
besonders stark verbunden fühlt, erfolgt die „Grundlegung" auf dem letzten Druck-
bogen. Dieser geringe Umfang steht in einem Mißverhältnis zu dem anspruchs-
vollen Thema, auch wenn der Uferlosigkeit und Willkür der psychologischen
Methode die Gebundenheit einer Ästhetik als rein philosophischer Disziplin ent-
gegengestellt werden soll. Die moderne Problematik wird zu einfach gesehen, wenn
man aus dem verwirrenden Durcheinander der Standpunkte nur das Motiv einer
Einfühlungs- und einseitigen Gegenstandsästhetik heraushört. Da Hedwig Dorosz
den Queilgrund des Ästhetischen in der Poiesis, der künstlerischen Gestaltung
erblickt, wäre es geraten gewesen, verwandte Tendenzen in Gegenwart und Ver-
gangenheit aufzusuchen, statt Th. Lipps, Volkelt und Worringer vor das Tribunal
zu schleppen. Die Theorien der „absoluten Gegenständlichkeit der Schönheit" sind
in der Tat nur eine Episode in der Gegenwartsästhetik. Dagegen haben sich alle
ernsthaften Forscher um das Subjektive in der ästhetischen Gegenständlichkeit, d. h.
um das funktionale Wechselverhältnis zwischen Gegenstand und Erlebnis bemüht.
Wenn Volkelt von der Ichdurchsetztheit der Gegenständlichkeit spricht, oder wenn
Dessoir den ästhetischen Wert als „subjektiv-objektiven Erlebniswert" bezeichnet, so
liegen hier vorsichtige Formulierungen vor, die die entschiedene Polarität des
Aktes betonen. Jedenfalls führt eine einfache Schwerpunktsverschiebung nach der
subjektiven Seite nicht einen Schritt weiter.

Mit G. F. Lipps erblickt Hedwig Dorosz im Wirken ein allgemeines, Natur und
Geist vereinendes Lebensprinzip, das niemals aus monadischer Vereinzelung indi-
viduellen Seins, sondern stets nur aus den großen Lebens- und Wirkungsgemein-
schaften verstanden werden kann. Künstlerisches Wirken ist eine allem Geschöpf-
lichem innewohnende Weise der Kundgebung des eigenen lebendigen Seins. Diesem
Lebensprinzip gehorcht der Künstler, wenn er im Werke sein eigenes Geistesleben
offenbart und zugleich hiermit das „an sich ungestaltete Leben seiner Zeit und
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