Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BESPRECHUNGEN

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seine Untersuchungen zuzuspitzen liebt. Zum ersten Mal ist hier das Problem des
mittelalterlichen Natur- und Landschaftsgefühls in einer Weise behandelt, die bedeut-
same Ergebnisse abwirft und zu weiteren Untersuchungen anspornt. Wenn sich einer-
seits Böheims Betrachtung des Landschaftsgefühls im ausgehenden Mittelalter auf
Deutschland beschränkt und einer ergänzenden Behandlung der Kunst und Literatur
anderer Länder bedarf, so hat er andrerseits auch für die Eigenart des Naturgefühls
im frühen und hohen Mittelalter sehr bedeutsame neue Gesichtspunkte entwickelt, die
einer Vertiefung und Bereicherung unserer geistesgeschichtlichen Anschauungen vom
Mittelalter zugute kommen sollten.

Leipzig. Herbert Grundmann.

Paul Krech: Die Landschaft im Sturm - und Drangdrama. Ein
kunstwissenschaftlicher Versuch. Otto Eisner, Berlin 1933.

Die Arbeit ist nicht von literarhistorischer, sondern von kunstwissenschaftlicher
Seite her konzipiert. Das eigentliche Ziel ist die Beantwortung der Frage: wie ver-
hält sich das Drama als Form zu der Landschaft als Stoff, eine Frage, deren Be-
antwortung zugleich an der Grenzziehung zwischen den Dichtarten hilft. Denn
darin wird man dem Verfasser unbedingt zustimmen, daß nicht lediglich formelle
Eigenheiten das Wesen der Gattungen ausmachen, ebenso wenig — darin kann man
den Verfasser noch ergänzen — wie allein die Untersuchung der jeweils beteiligten
psychischen Kräfte Aufschluß über ihr Wesen gibt (vgl. Hartls psychologische
Grundlegung der Dichtungsgattungen), sondern daß gerade in der Formung be-
stimmter Inhalte grundsätzliche Unterschiede zwischen Lyrik, Ethik und Dramatik
und letzten Endes zwischen den Künsten deutlich werden. Sturm und Drang wurde
gewählt, weil diese „erste Periode moderner deutscher Dichtung" gerade um das
Drama rang, und weil sie sich „aus innerster Notwendigkeit dem landschaftlichen
Stoffkreis zuwandte". Die historische Problematik, die aus der Beschränkung auf
eine bestimmte Zeit erwächst, behandelt der Verfasser im zweiten Teil seiner Arbeit,
worin er die geistesgeschichtlichen Grundlagen der Naturauffassung und die bühnen-
technischen Möglichkeiten der Naturdarstellung bespricht. Ausgezeichnete Stoff-
kenntnis zeichnet auch diese Kapitel aus und sichert damit von dieser Seite her die
Ergebnisse des ersten Teiles.

Aus der Analyse des griechischen und des shakespearischen Dramas als den
entscheidenden Einflußzentren für das abendländische und besonders das Sturm-
und Drang-Drama wird die Leitidee gewonnen: ein aktives Mitspielen der Natur
begegnet selten, und dann fast immer in solchen Werken, deren dramatische Struk-
tur nicht rein und geschlossen ist. Häufiger ist, jedenfalls bei Shakespeare, die pas-
sive Rolle der Natur; denn der Renaissancedichter braucht sie als Raum, in dem
seine Menschen sich bewegen. Sobald aber auch hier die Stimmungsfunktion zu
stark wird, droht eine Lockerung des dramatischen Gefüges. Damit hat der Ver-
fasser die Kategorien gewonnen, auf die er nun das Drama des Sturm und Drangs
bezieht. Es erweist sich, daß die aktive Rolle der Natur recht klein, ihre passive
dagegen ungewöhnlich groß ist. Dabei drohen verschiedene Gefahren, denen die
Stürmer und Dränger erlegen sind: wohl führen sie ihre Gestalten aus der Zimmer-
luft der Aufklärungsdramen hinaus in die Landschaft, aber gerade die breite Aus-
malung des Milieus, wie sie vor allem in den Frühwerken der Dichter häufig ist,
hemmt den dramatischen Ablauf. Der Verf. sucht zu erweisen, daß sich darin letzt-
lich eine undramatische Haltung äußert, die sich auch in der Passivität der Helden
auswirkt; statt selber Handlung zu schaffen, erliegen sie einem Geschick. Im Laufe
der Entwicklung verwenden die Dichter dann die Natur als Stimmungsträger oder
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