Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BESPRECHUNGEN

webepaar" (97) erscheinen, während in Wirklichkeit ein durchaus „logischer", mit dem
christlichen Gedanke:n der superbia gesetzter Zusammenhang vorliegt. Oder zum
Diskuswerfer des Myron: dem aus der Schar seiner Gefährten herausgenommenen
Sieger soll die platonische Idee des Schönen „entgegenschwimmen", ein „Eidolon,
gebrochen aus der Krone der platonischen Philosophie" (26). Aber dieses letzte Bei-
spiel wirkt in dieser Vereinzelung peinlicher als in dem bunten „Gewebe", in dem es
auftritt. Mit diesem sollten wir nicht zu streng ins Gericht gehen und nur dies eine
ihm nicht einräumen: daß es ein Geheimnis zu verraten hätte.

Berlin. Helmut Kuhn.

Jonas, Oswald: Das Wesen des musikalischen Kunstwerks.
Eine Einführung in die Lehre Heinrich Schenkers. 224 S. Saturn-Verlag, Wien
1934.

Diese Arbeit bietet weniger eine selbständig prüfende, sich zuerst an Außen-
stehende wendende Einführung in die Gedankenwelt des Wiener Musiktheoretikers
Schenker, sondern mehr einen fast bedingungslos beipflichtenden, dem überzeugten
Schenkerkreise die „Einzigartigkeit" der Lehre des Meisters von neuem verkünden-
den Überblick.

Es ist daher zunächst des Lehrgebäudes des bald siebzigjährigen Mannes,
der es seit 1906 vor der Öffentlichkeit entwickelt, zu gedenken. Dasselbe ist, wie Jonas
bedauernd zugibt, nicht eigentlich verbreitet und außerhalb der Schenkergemeinde nur
bedingt anerkannt; jedenfalls ist es nicht entfernt so beachtet als es Schenker und
seine Jünger sehr bestimmt mit den höchsten Ansprüchen fordern. Möglich, daß
gerade dieses allzunachdrückliche Beanspruchen eines unvergleichlichen Ranges man-
chen dem W7erke gegenüber kritischer gestimmt haben mag, als es bei gelassenem
Auftreten vielleicht der Fall gewesen wäre. Ich mußte jedenfalls immer wieder Ab-
neigungsgefühle gegen den Tonfall Schenkers, der gern in die Spenglersche Unter-
gangsweise einstimmt, beiseite stellen, damit ich (in nunmehr fast dreißigjähriger
Beschäftigung mit dieser Lehre) die wesentlichen Veröffentlichungen dieses Theoreti-
kers kennen lernen und mir mein Urteil bilden konnte. Ich habe mich in verschie-
denen Zeitschriften*) kritisch berichtend mit dieser Lehre auseinandergesetzt, sodaß
ich heute, nachdem sich meine Bedenken und Einwände gemehrt haben, und sich der
Standpunkt Schenkers nicht entscheidend geändert hat, nichts anderes tun kann, als
meine früheren Äußerungen, sie teils einschränkend, teils sie wiederholend, zusam-
menzufassen. Da die Darstellung von Jonas überwiegend die Haltung einer zustim-
menden Ausdeutung und des zitierenden Berichtes gegenüber der Lehre seines Mei-
sters einnimmt, so gelten meine Bemerkungen begreiflich mehr dem Werke Schen-
kers direkt als seiner Exegese durch Jonas.

Schenker eröffnete sein theoretisches Lehrwerk mit der Publikation seiner: „Neuen
musikalischen Theorien und Phantasien von einem Künstler. 1. Band: Harmonie-
lehre", Stuttgart 1906. Durch die Titelprägung wollte der Verfasser offenbar betonen,
daß dieses Werk (nebst den folgenden) den für eine Kunstlehre in der Tat einzig gül-
tigen Standpunkt: den künstlerischen entschiedener innehält, als es den früheren
Theoretikern gelang.

Allerdings sollte auch der Kunsttheoretiker von sich schließlich jenen Grad letz-
ter schöpferischer Gewißheit fordern, den sich die großen Tonmeister errangen. Ein

*) z. B.: Über Textkritik, Analyse und Bearbeitungen von Musikwerken, Zeitschrift
für Musikwissenschaft. II. 7. Lpz. 1919.
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