Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BESPRECHUNGEN

nisch, wie ein Ordensstatut das Leben seiner Bekenner begrenzt. Kunst und Leben
fluten darüber weiter, aber auch der Hang und Zwang, sich von diesen Mächten ab-
zuschließen, ist gleichfalls ein Merkmal des Lebens und unaustilgbar.

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Schließlich wäre noch des Jonas'schen Buches im besonderen kurz zu gedenken.
Es ist, wie gesagt, nicht recht eine Einführung in Schenkers Lehre für noch nicht
Eingeweihte. Dafür tritt die Darstellung gleich zu unmittelbar und restlos überzeugt
in die Gedankenwelt seines Meisters ein; dafür biegt sie öfter zu eilig und zu heftig ins
Polemische ab. Den Andersdenkenden ergeht es dabei schlecht. Ohne Zubilligung
mildernder Umstände oder guten Willens wird ihre Leistung abgelehnt. Sie geben sich
z. B. „einem geradezu lächerlichen und kindischen Unterfangen" hin, wenn sie die
schematisch-metrische Taktstrichsetzung der Meister (in pädagogischer Absicht für
Lernende) den rhythmisch motivischen Tatsachen angemessen wechselnd gestalten
wollen, d. h. den Taktstrich, statt als metrisches Abzählzeichen, als ein Motivschwer-
punktzeichen verwenden wollen. Zu diesen Bedauernswerten gehöre auch ich und
darum stehe ich davon ab, fernere Bedenken und Einwände vorzutragen und überlasse
die Prüfung meiner Zustimmungen und Ablehnungen denen, die diesen Fragen hin-
reichendes Interesse entgegenbringen.

Berlin. Justus Hermann Wetzel.

Arnold Schering: Beethoven in neuer Deutung. C. F. Kahnt,
Leipzig 1934.

Das Buch Scherings ist in erster Linie, und das allein schon verleiht ihm sei-
nen Wert, eine Kampfansage gegen die in den meisten Fällen dilettantische Form
der musikalischen Hermeneutik, die gerade an Beethovens Werken immer und
immer wieder zu deuteln und zu erklären gesucht hat; ob sie nun anekdotisches
Material zum Ausgangspunkte tiefsinniger Erläuterungen machte, ob äußere Lebens-
umstände, Nöte oder Freuden den erwünschten Anlaß zur Deutung gaben, spielt
dabei keine Rolle. Gemeinsam ist fast allen hermeneutischen Versuchen, daß in
unserem Falle stets die Persönlichkeit Beethovens der Mittelpunkt ist, daß er selbst
fortwährend von einer „Stimmung" in die andere geworfen wird, innerhalb eines
Satzes mehrfach himmelhoch jauchzend, mehrfach zu Tode betrübt ist, kurz und
gut, daß man letzten Endes das ganze Schaffen Beethovens als Emanationen eines
völlig zerrütteten Neurasthenikers bezeichnen müßte, der in seiner künstlerischen
Produktion beinahe das willenlose Werkzeug seiner ewig schwankenden Stimmun-
gen, Launen, Depressionen und Exaltationen ist.

Diesem beinahe unwürdigen Bild Beethovens in wissenschaftlicher Form ent-
gegengetreten zu sein, bildet das Hauptverdienst des Scheringschen Buches, wobei
es m. E. erst in zweiter Linie von Bedeutung ist, ob man die Scheringschen Deu-
tungen für richtig oder falsch, für nötig oder überflüssig hält.

Als Motto seines Werkes benutzt Schering eine Äußerung Czernys über das
Adagio der Klaviersonate op. 2, Nr. 3:

„In diesem Adagio entwickelt sich bereits die romantische Richtung, durch die
Beethoven später eine Kompositionsgattung erschuf, in der die Instrumentalmusik
sich bis zur Malerei und Poesie steigerte. Es ist nicht mehr bloß der Ausdruck von
Gefühlen, was man hört, man sieht Gemälde, man hört die Erzählung von Be-
gebenheiten. Aber dabei bleibt das Tonstück, auch als Musik, immer schön und un-
gezwungen, und jene Wirkungen werden immer in den Grenzen der regelmäßigen
Form und konsequenten Durchführung erreicht."
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