Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BESPRECHUNGEN

Stelle: „In Beethoven und Schiller hat deutsches Wesen den vollsten Einklang von
Christentum und Antike gestiftet, indem es ein Letztes an Germanisierung des
Christentums mit einem Höchstmaß an Versüdlichung nordischer Art und Kunst ver-
schmelzen läßt" (S. 184). Man möchte bedauern, daß Cysarz durch solchen Versuch,
die Vereinigung des Gegensätzlichsten in Schiller aufzeigen zu wollen, nur wieder
vermischt, was er im Verlaufe seiner Darstellung im einzelnen oft viel klarer und
schärfer absondert und umreißt. Vor allem wird durch dieses Bestreben die geistes-
geschichtliche Bedeutung gerade des Ästhetikers Schiller verwischt. Die Forderung
der ästhetischen Haltung, die Schiller in den „Briefen über die ästhetische Erzie-
hung" erhebt, sie bezeichnet ja, nicht minder wie das gemeinsame Wirken mit Goethe,
eine ganz bestimmte Stellungnahme zu den kulturellen Fragen, wie es zahlreiche
Äußerungen auch und gerade von Schillers Seite im Goethe-Schillerschen Brief-
wechsel rückhaltlos bekunden. Wohl betont Cysarz, daß „der klassische Zweibund ...
eine im weitesten und höchsten Sinn bildungspolitische Großmacht verkörpert"
(S. 267), daß Xenien und Hören „den unvergänglichen Staat des klassischen Geists
gründen" (S. 284). Aber es bleibt die Frage unbeantwortet, aus welcher Welthaltung
heraus dieser Kampf geführt, dieser „Staat" „gegründet" wird. Erst als Glied in jener
Bewegung der „Verdiesseitigung religiöser Aspekte", der „Fleisch- und Tatwerdung
übersinnlicher Dinge", die Cysarz von Luther her zu Schiller hinleiten will, und deren
vollen Durchbruch in Deutschland man wohl in Winckelmann zu sehen hat, gewinnt
ja jener „Zweibund" Goethes und Schillers seinen vollen geschichtlichen Sinn, wird
Bereiter und Helfer auch des weiteren Weges, wie er dann von Hölderlin zu Nietzsche
und darüber hinaus weist. Dadurch daß Cysarz auch den Ästhetiker Schiller vom
Dramatiker und Balladendichter aus deuten will, löst er ihn aus dieser Verbindung,
für deren Verständnis er doch an manchen Stellen selbst wichtige Winke gibt. ■—

Indem Cysarz überall das Einzelne in das Gesamtbild Schillers und dies Ge-
samtbild in den allgemeinen geschichtlichen und philosophischen Zusammenhang ein-
bezieht, führt sein Buch allerorts auf wichtigste Grundfragen, zwingt zu letzten gei-
stigen Entscheidungen. So erhält die Darstellung von Schillers Gestalt und Werk
einen Untergrund, auf dem ein Meinungsaustausch über deren Auffassung und
Bewertung erst ein wahrhaft fruchtbares Feld findet. Mag Cysarz' Deutung Schillers
im einzelnen oder auch in der Gesamtsicht oft strittig sein und wird man je nach dem
eigenen Standpunkt ihr beistimmen oder sie bekämpfen, so bleibt es doch vor allem
sein Verdienst, Hand angelegt zu haben, um ein uns allen vertrautes, aber gerade
durch diese Vertrautheit vielfach abgegriffenes Bild von der Staubschicht, die mehr
als ein Jahrhundert darüber gelegt, zu befreien und es jeder vertiefteren Betrachtung
damit wieder neu und in schärferem Umriß vor Augen gestellt zu haben.

Z. Zt. Wellesley-College bei Boston. Melitta Gerhard.

Lyrische Weltdichtung in deutschen Übertragungen aus
sieben Jahrhunderten, ausgewählt von Julius Petersen
und Erich Trunz. Bd. 9 der Literarhistor. Bibl., herausgeg. von Martin
Sommerfeld. Junker und Dünnhaupt, Berlin 1933.

Das kleine Buch, von berufenster Hand in die Welt gesandt, liefert der Literatur-
wissenschaft ein außerordentlich wertvolles Material zum Zweck vergleichender Stil-
betrachtung. Es bietet verschiedene Dichtungen aus verschiedenen Sprachen in den
Übertragungen zeitlich und räumlich verschiedener Dichter und ermöglicht somit
Untersuchungen, die mannigfachste Beiträge zur ästhetischen Typologie, zur Kultur-
genetik und Individualgenetik darstellen können. Da es sich um ins Gebiet der Lyrik
fallende Originale handelt, denen gegenüber jede Übersetzung mehr oder weniger
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