Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 29.1935

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BESPRECHUNGEN

fassers ist der Satz: „De gustibus non est disputandum" — ein Satz, der durch
den Ausspruch zu ergänzen ist: „Tous les goüts sont discutables, mais le goüt
ne se discute pas." Jener Satz entspricht nicht den Tatsachen, denn zu allen Zeiten
hat man über Geschmacksfragen gestritten; er soll anscheinend auch nur besagen,
daß eine Auseinandersetzung mit allgemein anzuerkennenden Gründen oder Gegen-
gründen hier nicht durchzuführen und demgemäß ein solcher Streit endgültig nicht
zu entscheiden ist. Der Verfasser legt den Nachdruck darauf, daß regelmäßig
nicht der Geschmackssinn, sondern die ästhetische Wertigkeit eines Gegenstandes
in Frage steht. Immerhin wird doch nicht selten auch über die Urteilsfähigkeit
einer Person gestritten. In beiden Fällen ist ein sicheres Ergebnis durchaus mög-
lich. — Schließlich berührt der Verfasser noch das allgemeine Problem, inwieweit
die zeitliche, örtliche und persönliche Umgebung für Wert oder Unwert einer
Sache maßgebend sind, und erwähnt, daß etwas an sich Häßliches in einem be-
stimmten Zusammenhang schön oder wenigstens ästhetisch wertvoll werden kann.
Auch diese Ausführungen sind nicht sonderlich neu, sondern wiederholen nur, was
bereits die Scholastik von den ethischen circumstantiae und von der Einzelschön-
heit wußte. Immerhin hat das Büchlein seine Verdienste durch die verständige
Zusammenstellung von Gedanken, die den Relativismus zu widerlegen geeignet sind.

Berlin. Max Dessoir.

Walther Schurig: Das Prinzip der Abstufung im Deutschen
Vers. Zur Struktur der Deutschen Verssprache. Halle 1934.

Schurig teilt die deutschen Verse in abgestufte und nichtabgestufte, in Fortfüh-
rung der Untersuchungen von Sievers, Karg und Ipsen. Das Prinzip der Abstufung
untersucht er hinsichtlich der Sprachmelodie, der Silbendauer, der Lautheit, der Dyna-
mik (d. h. des Zusammenfallens bzw. Nichtzusammenfallens des melodischen, quanti-
tativen und Lautheitsakzents), des Tempos, der Gruppenbildung und des Wortmate-
rials und kommt zu dem Ergebnis, daß „in allen diesen Punkten beide Versgattungen
ihrem Charakter treu bleiben. Der abgestufte Vers war immer der sprunghafte, im-
pulsive, ungleichmäßige, während der nichtabgestufte stets der ruhigere, maßvollere
und ausgeglichene blieb. Für den abgestuften Vers sind die großen Unterschiede cha-
rakteristisch: die starken Abstufungen, die weiten Intervalle, die reiche und differen-
zierte Akzentuierung" (71), Konzentration der gesamten dynamischen Kraft auf weni-
gen Silben, Ungleichheit des Tempos, schweres Wortmaterial in relativ geringer
Zahl und ungleiche Größe der Gruppen. Das Zusammentreffen gleicher Eigenschaften
in den verschiedenen Elementen eines Verses sei kein zufälliges, sondern Ausdruck
eines bestimmten Formwillens, einer inneren Formgerichtetheit.

Dem Ergebnis der sachlich klaren und übersichtlichen Untersuchung kann im
allgemeinen zugestimmt werden. Doch muß hervorgehoben werden, daß eine solche
Trennung in zwei Versgattungen nur mit Rücksicht auf die Extreme möglich ist, daß
sich dazwischen alle möglichen Übergänge finden und daß es in vielen Fällen zweifel-
haft ist, welcher Art man ein Gedicht zuordnen soll. Die Untersuchung auf acht Bei-
spiele zu beschränken, genügt für solche Verallgemeinerung des Urteils wohl kaum.

Die Charaktere der die Verssprache zusammensetzenden Faktoren sind zweifel-
los in vielen Fällen unter sich verwandt; der einheitliche Charakter des Ganzen wird
dadurch gewahrt bzw. erhöht. Doch besteht keine Notwendigkeit zu dieser Ähnlich-
keit, und gerade die Möglichkeit vielfältiger Mischung von Teilfaktoren mit unter
sich verschiedenem Charakter gibt den Ausdrucksreichtum der Verssprache. In nicht
wenigen Fällen treffen übrigens die Charaktermerkmale der abgestuften und nicht-
abgestuften Verse mit denen der formfreien bzw. formstrengen Verse zusammen.
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