Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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BESPRECHUNGEN

Federstrich naturnäher gewesen als der ganze Jugendstil trotz aller Blumen und
Schwanenhälse. Und ob der Geschichtsforscher von morgen nicht doch auch die
zeiteigene Originalität des verpönten Historismus erkennt, vermögen wir bei der
mangelnden Übersicht noch nicht recht zu sagen. Es kommt schließlich nicht so
sehr auf das Mehr oder Weniger der übernommenen Einzelformen an als auf die
Verarbeitung zu einem Gesamtstil, der nur bei allzugroßer Nahsicht nicht
erkennbar ist. Hat man doch auch im Barock des 17. Jahrhunderts lange Zeit
einen entarteten „Renaissancestil" gesehen, ehe man sich dazu entschloß, seine
persönlichen, hochqualitativen Eigenheiten zu begreifen. Die malerische Welt des
ausgehenden 19. Jahrhunderts hat als reifste Frucht den Impressionismus geboren.
Diesem konsequenten Ansteigen und dem auch nur im Gesamtbild der Zeit ganz
zu fassenden allmählichen manieristischen Abbiegen gegenüber bedeutet der „Stil
der Jugend" nur eine Episode, und gerade hier zeigt es sich, daß ohne eine feste
Einbauung in die allgemeine Haltung der Zeit der Jugendstil, nur als Ornament
betrachtet, den Charakter eines Kuriosums nicht verliert.

Schwerin. Margarete Riemschneider-Hoerner.

August Langen: Anschauungsformen in der deutschen Dich-
tung des 18. Jahrhunderts (Rahmenschau und Rationalismus). 1 Bl.
-f- 131 S. Jena, E. Diederichs 1934. [In der Sammlung: Deutsche Arbeiten der
Universität Köln. Herausg. von Ernst Bertram und Friedrich von der Leyen.]

Diesem, großen Fleiß bekundenden und sichtlich um selbständige und eigen-
artige Auffassung bemühten, Buch in kritischer Betrachtung gerecht zu werden,
scheint mir unendlich schwer. Es flimmert einem vor den Augen, wenn man es
liest: alle möglichen, kaum zur Sache gehörigen Beobachtungen und Einfälle wer-
den fortwährend angebracht; vieles, was richtig ist, steht oft nicht, sauber für
sich, am richtigen Platze; einigen nach des Verf. Meinung grundlegenden Lieblings-
ideen zuliebe werden waghalsige Schlüsse gezogen und nachher in den Aufbau als
tragfähige Balken übernommen; diese Lieblingsideen treten fort und fort so auf-
dringlich hervor, daß man in unaufhörlichem Verdruß darüber das richtig Beobach-
tete leicht übersieht. Sich in dem Buch zurechtzufinden, wird auch dadurch noch
erschwert, daß zwar ein gutes „Sachverzeichnis", aber seltsamerweise kein Namen-
verzeichnis beigegeben ist. Man muß zunächst sich bemühen, auf den Kern des
Buches zu kommen und hierbei all das Nebenwerk, alle unhaltbaren und alle von
dem Verf. überschätzten Meinungen fortzudenken.

Der Kern des Buches ist offenbar das durchaus beachtenswerte Unternehmen,
den bürgerlichen Roman der deutschen Aufklärungszeit in wichtigen Zügen nicht
sowohl nach seinem Inhalt, seinen Motiven, wie vielmehr nach seiner geistigen
Form zu erfassen. „Der deutsche rationalistische Roman des 18. Jahrhunderts ist
im wesentlichen auf das optische Bild hin komponiert, psychologische Kunst und
Aufbau der Handlung gipfeln in ihm" (S. 48). Nicht nur werden gern die in den
behandelten Romanen beliebten Einführungscharakteristiken der neu auftretenden
Personen als „Porträts", wohl auch als „Gemälde" oder „Bildnisse" bezeichnet, so
daß ganze Porträtgalerien zusammenkommen, sondern auch „die Handlung zer-
fällt in eine Folge von Bildern, deren jedes einen kleinen Ausschnitt erfaßt...
Die zeitliche Dauer dieses Ausschnitts ist auf einen kurzen, in sich geschlossenen
Handlungsablauf begrenzt, ja sie kann bis auf einen Moment zusammen-
schrumpfen ... Präziseste Erfassung durch das Auge, ein fast virtuoses Können
in der Fremdbeobachtung, in körperlicher Beschreibung, in der Darstellung von Mimik
und Gestik ist hier geleistet" (S. 55). Solche „Menschendarstellung im Augenblick der
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