Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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Das Wortspiel und die komische Rede

Von

Julius Klanfer

Die Sprache untersteht, soweit sie als ästhetisches Wirkungsmittel
tätig ist, zwei Gruppen von Strukturbedingungen. Die stilistische und
ästhetische Forschung hat bei der Untersuchung einzelner Ausdrucks-
gebilde im allgemeinen nur eine dieser beiden Gruppen zum Gegen-
stand, nämlich die Abhängigkeit der Wirkung sprachlicher Formen
von rein ästhetischen Bedingungen. Sprachforscher und Sprachtheore-
tiker befassen sich gelegentlich mit der zweiten Gruppe struktureller
Bindungen, den Bedingungen, die für alles was Sprache ist und mithin
auch für das Sprachlich-Ästhetische gelten. In der Regel finden dabei
nur solche sprachliche Ausdrucksmittel Berücksichtigung, die auch
außerhalb der Kunstsprache einen beträchtlichen Raum einnehmen, vor
allem die Metapher im weiteren Sinne. Die Blickrichtung auf die ästhe-
tische Wirkung der Sprachformen fehlt diesen Untersuchungen fast
durchwegs. Eine vergleichende Würdigung beider Gruppen von Bedin-
gungen könnte auf manchen Zweigen der stilistischen Forschung zu
neuen Einsichten führen. An dieser Stelle soll eine eng umschriebene
sprachlich-ästhetische Erscheinung, das Wortspiel, in beiden Richtun-
gen untersucht werden. Das Gebilde, das ich als „komische Rede" in
die Untersuchung mit einbeziehe, werde ich an seinem Orte gegen das
Wortspiel abgrenzen. Hier sei nur bemerkt, daß ich darunter nicht
alles mit den Mitteln der Sprache erzeugte Komische verstehe, noch
auch jede der komischen Wirkung fähige Rede, sondern nur ein ganz
bestimmtes Ausdrucksmittel. Es beruht auf anderen sprachlichen Vor-
aussetzungen als das Wortspiel und verwendet bloß die gleichen oder
sehr ähnliche Darstellungsmittel. Eine sprachliche Strukturanalyse des
Wortspiels liegt, so weit mir bekannt, weder in der ästhetischen noch in
der sprachtheoretischen Literatur vor. Die ästhetischen Bedingungen
seiner Wirkung sind hingegen gründlich durchforscht, so daß hier
nicht viel Neues zu bieten sein wird. Auch über die eigentümliche ästhe-
tische Leistung des Wortspiels vermag die sprachtheoretische Betrach-
tung wenig neue Aufschlüsse zu geben. Diese Fragen sind in den
grundlegenden ästhetischen, literarhistorischen und stilistischen Arbei-

Zeitschr. f. Ästhetik u. allg. Kunstwissenschaft. XXX. 14
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