Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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Besprechungen

Herman Nohl, Die ästhetische Wirklichkeit, eine Einfüh-
rung. Schulte-Bulmke, Frankfurt am Main, 1935. 216 S.

Herman Nohl setzt die drei Gesichtspunkte, unter denen das Kunstwerk betrachtet
werden kann, den objektiven, der sich an die Form hält, den psychologisch-analyti-
schen, der den Eindruck analysiert, und den historisch-genetischen, der vom Schaffen
ausgeht, mit drei Epochen der Ästhetik gleich. Aber diese Methoden sind für ihn auch
Momente im Kunstwerk, deren jeweilige Mischung bestimmte Spannungs- und Struk-
turverhältnisse erzeugt: „Das Geheimnis großer Werke wie jeder genialen Repro-
duktion — ich denke z. B. an die Geige Joseph Joachims — liegt in der eigentüm-
lichen Einheit und Spannung, in denen hier das Gesetz der Form, die Personmacht
des Künstlers und feinster Geschmack zusammenwirken." — Damit kreuzt sich nun
die „Lehre von der Mehrseitigkeit der Funktion der Kunst". Funktion ist hier im
Sinne der spezifischen Leistung verstanden, während darüber hinaus die Kunst auch
Lebensäußerung in weiterem Umfange ist. Nohl unterscheidet vier solche Funktio-
nen: Ausdruck, Wirklichkeitsdarstellung, Verschönerung oder Vollendung und symbo-
lische Bedeutung. Sie sind in ihrem Ursprünge durchaus gesondert, wie man denn
bei primitiven Völkern und bei Kindern eine jede dieser Funktionen finden kann;
sie sind zugleich die verschiedenen Sphären, denen die Kategorien der Beurteilung
(schön, echt, tief usw.) entstammen. Ganze Epochen bevorzugen jeweils eine dieser
Funktionen; sie zwingen dann auch Kunstwerke, die ursprünglich einer anderen
Sphäre entstammen, unter diese beherrschende Funktion. Denn es scheint, daß be-
stimmten Funktionen auch bestimmte Künste zugeordnet sind: so ist Musik vor
allem Ausdruckskunst, aber sie wird doch auch mathematisch aufgefaßt; Baukunst
ist rhythmische Verschönerung, aber sie kann auch sowohl der Zweckmäßigkeit wie
dem Symbolwillen dienen; und in Malerei und Plastik scheint die Gegenwart uns den
Kampf der Funktionen in besonderer Eindringlichkeit vorzuführen. Indem nun das
Resultat der einen Funktion in den Dienst der anderen tritt, z. B. die harmonische
Schönheit zum Symbol des Weltgrundes wird, entsteht jene „dunkle Weitstrahlsinnig-
keit" (Goethe), die ein Kunstwerk unerschöpflich erscheinen läßt. Jeder Funktion
wird nach aristotelischer Weise auch eine „Entartung" zur Seite gestellt; es sei hier
nur das „Absinken der Schönheitskunst in die falsche Süßigkeit" genannt, die ohne
Bezwingung der Wirklichkeit zustandekommt, das, was man eigentlich „Kitsch" nennt.

Man sieht, wie hier durch häufige Ineinssetzung logisch streng zu trennender
Begriffe eine scheinbare Systematik entsteht, innerhalb deren es außerordentlich
schwierig ist, das „Wahre" und „Falsche" zu unterscheiden. Nohl hat denn auch
dieser am Eingange seines Buches dargelegten Einteilung selbst kaum Folge gegeben,
und wo er (auf S. 35) zum ersten Male auf sie zurückgreift, geht ihm selbst der Unter-
schied zwischen „Momenten" und „Funktionen" wieder verloren. Im weiteren Verlaufe
führt er dann auch die Diltheyschen Weltanschauungen in die Kunsttheorie ein. „Es
gibt nicht bloß eine Ästhetik, eine Schönheit, sondern ebensoviel, als es typische
Bewußtseinsstellungen gibt, also zunächst jedenfalls drei: die Ästhetik des Natura-
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