Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 30.1936

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Mühen mit (bloß!) „spröde" charakterisieren kann, bliebe bei der sonstigen Fein-
fühligkeit Kahns unerfindlich, wenn nicht gerade daraus wie aus dem sonst un-
bedingt zu billigenden Hochschätzen Rainer Maria Rilkes und der Wölfflinschen
Grundbegriffe auch für die literarische Kunstbetrachtung Kahns geistige Heimat, die
Fritz Strichsche Schule zu Bern sich einseitig bemerkbar machte, wo Rilkeverehrung
durch Georgeabwertung zu fördern zum ungeschriebenen, aber mehrfach schon be-
tätigten Gesetz zu gehören scheint. George bloß als Antinaturalisten zu bezeichnen,
sagt nun wirklich zu wenig; ob er Kahn sympathisch ist oder nicht, man wünschte,
das Positive seines Sprachwollens doch weniger voreingenommen gewürdigt zu sehen,
wo viel unbedeutenderen Übersetzern von Kahn die schuldige wissenschaftliche Ein-
fühlenswilligkeit nicht versagt wird. Daß ausgerechnet einem George philologische
Konstruktion vorgeworfen wird, ist allerdings ganz originell, ob aber auch nur an-
nähernd richtig, soll hier entschieden bezweifelt sein. Abgesehen von George enthalten
Kahns Darlegungen viele ergiebige Beobachtungen, wie solche auch seine Ausführun-
gen über die Sonetteindeutschungen Friedrich Huchs und des Wiener Karl Kraus
beibringen.

Der vierte Abschnitt liefert Einzelbelege und Analysen, die anschauliches Mate-
rial zu diesen Bemühungen um Einsicht in das Wesen der Wissenschaft von der
Wortkunst vermitteln. Ungeachtet manchen Einwandes stehen wir nicht an, den
Darlegungen Kahns sachgegründete Umsicht und feines Einfühlungsvermögen zu-
zuerkennen und die Arbeit als beispielhaft förderlich zu bezeichnen auch in dem
Sinne, daß ähnliche kunstwissenschaftliche Untersuchungen an andern Gegenständen
wiederholter Eindeutschung ähnlich sorgsam angeschlossen werden sollten.

Karlsruhe (Baden). Emil Kast.

Karl Lohmeyer: Heidelberger Maler der Romantik. Heidel-
berg 1935. Carl Winters Universitätsbuchhandlung.

Mit diesem Band hat der verdiente Direktor des Heidelberger Kurpfälzischen
Museums das Ergebnis seiner Forscher- und Sammlertätigkeit im Umkreis der
südwestdeutschen Romantik vorgelegt. In der Erhaltung des Biographischen, in
der Vereinigung des Bildstoffs wird dieses Werk von nun an grundlegend bleiben.
Die Verzeichnisse sind gründlich gearbeitet, 15 Farbtafeln und 33 gute Text-
abbildungen geben in verschwenderischer Fülle Einblick in eine köstliche Provinz
des deutschen Kunstschaffens. Die Arbeit des Verfassers läßt so recht fühlen, wie
sehr auch in anderen Gebieten Deutschlands eine solche Sammlung des örtlichen
Bilderschatzes der Romantik erfreulich und wohl auch überraschend wäre. Frei-
lich nur hingebende Liebe vermag so stille Schätze ans Licht zu heben. Aber
trotz Liebe, Kenntnis und Genauigkeit ist der Verfasser ein ungeschickter Anwalt
seiner guten Sache, weil er ein ungewöhnlich schlechtes Deutsch schreibt. Dieser
Mangel ist so sichtbar, daß er nicht noch schärfer beleuchtet werden soll. Aber
eine ehrliche Berichterstattung konnte ihn auch nicht verschweigen.

Zwei Ströme der deutschen Kunst zu Beginn des 19. Jahrh. scheinen mir in
der Heidelberger Romantik besonders deutlich zutage zu treten: der alt-deutsche
„Manierismus" (Xeller, der Freund Cornelius', klagt selbst einmal, „Manierist"
zu sein) und der naturalistische Kolorismus, der im übrigen Deutschland erst
später auftritt. Während sich die Kunst Fohrs aus dem Geist der Heidelberger
literarischen Romantik begreifen läßt — Brentano entwirft selbst die Titelseite zu
des „Knaben Wunderhorn" —, zeigt die Entstehung des naturalistischen Koloris-
mus zusammengesetzte und noch wenig bekannte Entstehungsgründe. Hier hat
man sich vor allem den Namen Issels zu merken, dessen Bilder man in Darmstadt
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