Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 4.1910/​11

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2 Mettler.

leben teilnehmen konnten, aber den Exerzizien und gesanglichen Anforderungen des
Chordienstes nicht gewachsen waren. Soweit sie zu den literati zählten, hatten sie den
Gottesdiensten im sogenannten minor chorus anzuwohnen.1 Über diesen kleinen
Chor sind die Hirsauer Konstitutionen am ausführlichsten, sie enthalten ein besonderes
Kapitel de lege minoris chori (I 38, S. 412 f.). Aber auch in den Quellen aus Cluni tritt
uns die Absonderung eines kleinen Chors als einer der Grundzüge der Chorordnung entgegen.

. Der Ort des kleinen Chors erhellt aus zahlreichen Stellen. In Cluni heißt er auch
exterior, in Hirsau maiori choro inferius adiunctus. In Cluni stehen die Novizen nach
OC I 15, S. 166 zwischen Kruzifix (Kreuzaltar) und Chor, nach CC II 2, S. 670 im
kleinen Chor. Also lag er westlich vom größeren. Ebenso in Hirsau (I 38, S. 412).
Die Senioren, die ihre Plätze am Westende des größeren Chores (in den cancelli occi-
dentalium) haben, betreten sie vom kleinen Chor aus. Zusammen reichen der kleine
und der große Chor von der Gegend des Kreuzaltars bis zu den Stufen des Presbyteri-
ums unter Ausschluß der Querhausflügel und Seitenschiffe. Nach dem Grundriß von
St. Peter in Hirsau kann nun kein Zweifel sein, wie sich die beiden Chöre in diese
Fläche teilten. Der große deckt sich mit der Vierung (wie in St. Gallen), der kleine mit
dem östlichsten Abschnitt des Langhauses. Ähnlich muß die Anordnung in Cluni
gewesen sein.

Über die Sitzordnung im Chor, besonders über das Gestühl, gibt wiederum die
Hirsauer Quelle die ausführlichsten Nachrichten, übrigens ganz in Übereinstimmung mit
denen aus Cluni selbst. Wird auch das Verständnis teils durch die unpräzise Termi-
nologie2,* teils durch Textverderbnis erschwert, so sind doch die wesentlichen Züge klar.
Zum ersten Mal begegnet uns hier mit voller Deutlichkeit die aus dem späteren Mittel-
alter bekannte Winkelstellung der Sitzreihen, auch die Form des stallus ist schon die
später allgemein übliche.

Am «hinteren» oder «unteren» Ende des großen Chores, d. h. unter dem westlichen
Vierungsbogen steht eine in der Mitte von einem Pförtchen unterbrochene Stuhlreihe, die
formae transversae oder cancelli occidentalium, die Scheidewand gegen den kleinen
Chor bildend. Sie enthält die vornehmsten Plätze. Unmittelbar rechts, d. h. südlich vom
Pförtchen stand der Abt, links der Prior. Demgemäß heißt die südliche Hälfte des
Chores chorus abbatis oder dexter, die nördliche chorus prioris oder sinister. Im rechten
Winkel abbrechend setzt sich das Gestühl gegen Osten unter dem Namen paries am
Süd- und Nordrand der Vierung fort bis in die Nähe der Presbyteriumstufen und läßt
vor diesen einen Durchgang (transitus oder spatium, per quod in alteram partem chori
eatur) frei. Wo dieser Gang in den südlichen Querflügel der Kirche ausmündet, liegt
der Haupteingang des Chores (aditus superior oder universalis), die Mönche betreten
ja die Kirche, vom Kreuzgang kommend, im südlichen Querflügel; der schon genannte
zweite Choreingang, das Westpförtchen (aditus inferior oder per minorem chorum), ist
für den Abt und die Senioren bestimmt. Cancelli und paries sind erhöht3, vor ihnen

1 Hi, qui inter literatos ad standum vel etiam ad cantandum non adeo sunt validi, ut ab eis alii in
maiori choro valeant adiuvari, et tarnen in conventu in aliis locis possunt morari, hi tales propter miseri-
cordiam in minorem chorum sunt deputati (CH I 38, S. 412).

2 So kommen besonders die Wörter forma, scamnum und sedile in verschiedenen Bedeutungen vor.

3 De pariete descendere CH I 34, S. 410. Qui super gradum in dextra parte chori stant = paries
dexter CH I 36, S. 411.
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