Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 4.1910/​11

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138 Literatur.

Architektonische Handzeichnungen alter
Meister. Herausgegeben von Architekt Dr. Her-
rnann Egger, a. o. Professor au der k. k. Tech-
nischen Hochschule in Wien. Erster Band. 60 Ta-
feln in Lichtdruck mitkritischem Text, gr. fol. 16 S.,
in Mappe. Wien-Leipzig, Friedr. Wolfrum & Co.
M. 100.

Das Hinscheiden Heinrichs von Geymüllcr war
ein außerordentlich schwerer Verlust für die ar-
chitekturgeschichtliche Forschung, die von dem
bewundernswerten Wissen und feinfühligen
Scharfblicke des zu früh Verstorbenen noch manch
reichen Ertrag erhoffen durfte. Noch trug sich
der nimmer Rastende mit weit aussehenden Plänen,
um deren Verwirklichung sich Geymüller manch
Jahr vergeblich bemüht hatte. Seine auf dem
internationalen Kongresse «pour la protection des
ceuvres d'art et des monuments» zu Paris 1889
entwickelte Idee der «Creation d'archives inter-
nationales des dessins historiques d'architeclure»,.
für die er 1893 durch Einleitung einer an dem
hohen Kostenpreise scheiternden Subskription zu
einem «Photographic Thesaurus of architecture
and its subsidiary arts» und noch 1903 durch
seine dem internationalen Historikerkongresse in
Rom unterbreitete «Proposta di un corpus dei
disegni architettonici» die Durchführungsmöglich-
keit zu sichern getrachtet hatte, nahm selbst in
der von ihm schweren Herzens zugestandenen
Reduktion nicht mehr bei seinen Lebzeiten Pu-
blikationsform an; aber sie ist mit Geymüller
nicht zu Grabe getragen worden. Eine junge, mit
seinen Absichten in allen Einzelheiten wohlver-
traute Arbeitskraft, Professor Dr. Hermann Egger,
der seine Beherrschung architekturgeschichtlichen
Q-uellenmateriales und die wissenschaftliche Aus-
münzung desselben schon durch andere Veröffent-
lichungen in weithin anerkannter Weise erwiesen
hat, setzt dem Andenken Geymüllers das schönste
Ehrenzeichen in einer Herausgabe architek-
tonischer Handzeichnungen alter Meister; der vor-
liegende erste Band läßt das Beste von dem
Unternehmen erhoffen.

Es ist ganz zweifellos, daß die wissenschaft-

liche Arbeit, sei sie nun selbständige Forschung
oder methodische Anleitung zu derselben, in einem
Sammelwerke wie dem vorliegenden eine Quelle
hochwichtiger Aufschlüsse über die künstlerischen
Absichten verschiedener Meister und Epochen,
Geschmacksnuancen der letzteren, über das Ver-
hältnis des ursprünglichen Planes und der tat-
sächlichen Ausführung, über charakteristische Be-
sonderheiten der individuellen Formensprache ge-
winnen wird. Denn nur aus dem Zusammen-
halte dieses Materiales mit den urkundlichen Be-
legen archivalischer Natur werden sich unanfecht-
bare Ergebnisse der Denkmälerbestimmung ab-
leiten lassen, deren methodische Festlegung aber
einen gerade an zeichnerischen Belegen geschulten
Blick zur Voraussetzung hat. Von diesem Ge-
sichtspunkte aus muß man es mit Dank und
Freude begrüßen, daß endlich einmal der Ver-
such gemacht wird, wenig bekanntes und im all-
gemeinen noch weniger benütztes Material einem
größeren Arbeiterkreise zugänglich zu machen.
Die hier gebotene Auswahl umfaßt durchwegs
bisher noch nie publizierte Blätter, schaltet also
neue Elemente in die wissenschaftliche Bewertung
ein. Die letztere wird durch die Klarheit und Schärfe
der auf Originalaufnahmen zurückgehenden Licht-
druckwiedergabe, welche sich um die Veranschau-
lichung der Zeichnungseigentümlichkeiten und
der intimen Reize der Originale erfolgreich bemüht,
ganz außerordentlich gefördert. So erlangen
die reproduzierten Handzeichnungen einen be-
sonderen Wert als Hilfsmittel für die Einführung
in die moderne Methode architekturgeschichtlicher
Forschung, die, wenn möglich, bis zu den ersten
Formulierungen künstlerischer Gedanken auf
Skizzen der beteiligten Meister zurückgreifen soll.
Es darf wohl mit Recht erwartet werden, daß
die kunstgeschichtlichen Hochschulinstitute der
vorliegenden Publikation als einem auf der Höhe
der Zeit stehenden Unterrichtsbefehle für den
Seminarbetrieb die wohlverdiente Beachtung
schenken und die Fortführung des so zielbewußt
einsetzenden Werkes, das eine unleugbare Lücke
unserer wissenschaftlichen Hilfsmittel auszufüllen
bestimmt ist, durch dauernde Einverleibung in ,
ihren Arbeitsapparat unterstützen werden.

Der vorliegende Band entnimmt die Hand-
zeichnungen der 60 Tafeln ausschließlich
Wiener Sammlungen: der Bibliothek der k. k.
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