Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 4.1910/​11

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Die ehemalige Abteikirche von St. Trond.

Von Georg Weise.

Wohl in keinem anderen Land haben die französische Revolution und die Kriege
der zwei vorhergehenden Jahrhunderte für den Besitz an Baudenkmälern und Kunst-
werken eine so verheerende Wirkung gehabt wie in Belgien und den angrenzenden
Landstrichen des nordöstlichen Frankreichs. Von den zahlreichen stattlichen Kirchen
und reichen Abteien aus romanischer Zeit ist nur verschwindend wenig auf uns ge-
kommen, verglichen mit dem ehemaligen Reichtum an hervorragenden Bauwerken.
Denn gerade das Maastal und westlich davon Hennegau und Cambresis waren im frühen
Mittelalter ein Hauptsitz kirchlicher und klösterlicher Kultur; von hier aus, von den
wallonischen Landschaften des Südens, drangen Kultur und Klosterwesen allmählich in
die nördlichen Landstriche vor. Und zugleich waren es diese Gegenden, in denen
sich die Kultur des Niederrheins mit derjenigen Nordfrankreichs berührt hat und durch
die niederrheinische Einflüsse in das nordöstliche Frankreich eingedrungen sind. Denn
es scheint, daß in den Zeiten der späteren Karolinger und der Ottonen der Niederrhein,
an dem die römische Besiedelung und Kultur viel stärker gewesen waren als im heutigen
Belgien, in Kunst und Kultur diesen Gebieten überlegen war, in denen ja die römische
Okkupation nie sehr tief Wurzel gefaßt hatte. Dazu kommt die Bedeutung Lüttichs,
das von der Zeit der Ottonen an vor allem durch seine Domschule in diesen lothringi-
schen Landschaften ein Brennpunkt kirchlicher Kultur und Wissenschaft war, zu dem
die Schüler von weither herbeiströmten. In Cambrai, das zum Reiche gehörte, hatte
die deutsche Kultur einen Posten weit in das nördliche Frankreich vorgeschoben. Durch
Lüttich und Cambrai mögen die niederrheinischen Einflüsse vermittelt worden sein, die
wir an den romanischen Bauwerken jener Gegenden, soweit diese erhalten, wahrnehmen.
Im zwölften Jahrhundert wird dann hier in der Architektur der deutsche Einfluß zu-
rückgedrängt, und es entstehen lokale Sonderschulen mit entschieden französischer Wurzel.

Allerdings stoßen wir gerade in diesen Gegenden bei der Feststellung solcher
architekturgeschichtlicher Zusammenhänge auf wesentliche Schwierigkeiten. Die spärliche
Zahl der uns erhaltenen Denkmäler aus romanischer Zeit zwingt uns, die historischen
Quellen zu Rate zu ziehen und zu sehen, wie weit wir aus ihnen unsere Kenntnis der
Baukunst dieses wichtigen Übergangsgebietes bereichern können. Ein Versuch in dieser
Richtung möchte die vorliegende Untersuchung sein. Ihr Ziel ist, soweit möglich, den
Grundriß der ehemaligen Abteikirche von St. Trond (nordwestlich von Lüttich), die der
Zerstörung anheimgefallen ist, nach den in den Gesta abbatum Trudonensium1 ent-
haltenen, ziemlich reichhaltigen Nachrichten zu rekonstruieren und ihre Baugeschichte
festzustellen.

Wir beginnen mit dem westlichen Turmbau. Nach 290, 362 war es eine dreiteilige
Turmanlage. Ein mittlerer Kern war von zwei seitlichen Treppentürmen flankiert, die

1 Monumenta Germaniae SS. X, 213ff.

2 290, 36. Media occidentalium turris nostra ab utroque latere habet unam, eodem muro sibi coin-
pactam, perque singularum cocleas ad primuna et secundum et tertium statum aseenditur usque ad campanas;
deinde media relicta humilius altioribus se proripiunt cacuminibus, habetque proprium unaquaeque suum
tectum.
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