Zeitschrift für Geschichte der Architektur — 4.1910/​11

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Max Schlesinger.

Symbolik in der Architektur.

Von Max Schlesinger. (Schluß.)

c) Anfang und Fortgang architektonischer Symboldeutung.

Während sich in den allermeisten Fällen der Beginn symbolischer Auffassung in
undurchdringliches Dunkel hüllt, sehen wir in der Geschichte der Architektur zwei
wichtige Begebenheiten, wo in einem Falle mit Wahrscheinlichkeit, im anderen mit
Sicherheit der Eintritt symbolischer Hinaufrückung nachweisbar ist.

1. Die Nomaden verehrten ihre Gottheit in Zelten. «Und sie sollen mir ein Heilig-
tum errichten, daß ich mitten unter ihnen wohne.» Die Stiftshütte der Israeliten war
ein tragbares Zelt; die Tragstangen, welche vorschriftsmäßig in den Bingen der heiligen
Lade bleiben sollten — man denke an das Relief des Titusbogens zu Rom —, zeigen,
daß das Volk stets auf den Weiterzug vorbereitet war. Ob diese Stiftshütte wirklich
existiert hat, oder ob sie die Erfindung einer späteren Zeit ist, wie Wellhausen1 und
Nowack glauben, kommt für unsere Erörterung nur insofern in Betracht, als die An-
ordnungen Jehovas dann zwar nicht wörtlich aufzufassen wären, jedoch mit der Er-
dichtung jener ersten Lade nur ein Vorbild für die zweite, welche sich im salomonischen
Tempel wirklich befand, konstruiert worden wäre, — vielleicht zu dem Behufe, um ihr
Ansehen durch die Ehrwürdigkeit des Alters zu erhöhen. Daß etwa selbst unter der
Annahme, die Stiftshütte habe ebensowenig wie der Tempel Ezechiels existiert, die Ab-
sicht zu symbolieren vorgelegen habe, ist nach den äußerst nüchternen und lediglich
zweckdienlichen Anordnungen kaum glaublich; mit der von Nowack angedeuteten Idee,
der treibende Gedanke sei der gewesen, das Heilige und Profane um hierarchischer
Zwecke halber so scharf wie möglich zu scheiden, können wir uns nicht befreunden,
wenigstens nicht nach d er Richtung, daß die erste Stiftshütte einer solchen Absicht zu-
liebe erdacht worden sei.

Die Beschreibung, wie sie im Exodus vorliegt, stammt aus dem Priesterkodex, also
aus nachbabylonischer Zeit; die Jahrhunderte hatten keinen sagenhaften Zug, keinen
symbolischen Hinweis in die Erzählung getragen.

Erst um die Zeit vor Christi Geburt wurde von den jüdischen Gelehrten Philon2
und Josephus3 der Anfang gemacht, die Stiftshütte selbst, ihr Material, und viele an-
geordnete Einzelheiten in symbolische Beleuchtung zu rücken. Beide Schriftsteller findet
man in einem anderen Teile dieser Arbeit, ihrer Bedeutung für die Symbolik entsprechend,
gewürdigt, hier sei nur bemerkt, daß wieder die kosmische Deutung, der wir so häufig
bei Bauwerken begegnen, gesucht und natürlich auch gefunden wurde. Flavius Josephus
schreibt: «Wer über den Bau der Stiftshütte vorurteilsfrei und mit gehöriger Überlegung
nachdenkt, wird finden, daß darin die ganze Natur abgebildet ist. Sie ist in drei Teile
geteilt, und von diesen stellen die zwei, welche den Priestern eingeräumt sind, das Meer
und das Land vor, das allen Menschen gemein und zugänglich ist; der dritte Teil aber,

1 Julius Wellhausen, Prolegomena, Berlin 1891.

2 Des Juden Philo Buch von der Weltschöpfung von J. G. Müller, 1841.

3 'loubaiKr) 'ApxaioXoYia, Archäologie jüdischer Altertümer, übersetzt von Heinrich Clementz, Halle
1899/1900.

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