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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Cod. Pal. germ. 16-18: Dreibändige Bibel, AT, deutsch

Entstehungsumstände

Datierung „1477“ in der Darstellung von Sauls Krönung (Cpg 17, fol. 14r)Die Manuskripte Cod. Pal. germ. 16, 17 und 18 entstanden in der vermutlich in Stuttgart tätigen Werkstatt des Ludwig Henfflin. Sie stammen alle von demselben Schreiber, der sich sonst jedoch in diesem Atelier bisher nicht nachweisen läßt. Durch eine vom Zeichner oder Rubrikator angebrachte Datierung in einer der Illustrationen (Cod. Pal. germ. 17, fol. 14r), kennen wir aber das genaue Entstehungsdatum: In der Darstellung von Sauls Krönung, steht zu Füßen des mit Reichsapfel und Krone in der Mitte thronenden Königs die Zahl „1477“. Für heutige Betrachter ist das Datum allerdings nur schwer lesbar, da hier arabische Ziffern in der Schreibweise des 15. Jahrhunderts verwendet wurden. So erscheint die „4“ etwa als halbe „8“. Erst um 1500 nahmen die arabischen Zahlen ihre heute noch gültige Form an.

D-Initiale mit dem Wappen Margaretes von Savoyen (Cpg 18, fol. 372r)Wie alle Henfflin-Handschriften wurden die drei Codices für Margarete von Savoyen angefertigt. Wahrscheinlich gelangten sie über deren Sohn aus der Ehe mit Ludwig IV. von der Pfalz, Kurfürst Philipp I., in die Bibliotheca Palatina. Die Handschriften enthalten eine deutsche Bibel in drei Bänden. Genauer gesagt handelt es sich um das Alte Testament: Der Cod. Pal. germ. 16 birgt die Bücher Mose, Josua, der Richter und Ruth, der Cod. Pal. germ. 17 die der Könige, Paralipomenon I und II, sowie die Bücher Esra, Tobias, Judith, Esther und Hiob, während im Cod. Pal. germ. 18 derPsalter, die Bücher Parabole, Ecclesiastes, das Hohe Lied, die Bücher Salomons (Cantica canticorum, Sapienta, Ecclesiasticus) und die kleinen Propheten überliefert werden.

Text und Übersetzung

Der Anfang der Genesis (Cpg 16, fol. 10r)Der Text ist eine Abschrift einer bereits 1466 bei Johann Mentelin in Straßburg gedruckten Bibel, die sowohl AT als auch NT einschließlich der Prologe des Hieronymus umfaßte. Die 56 Jahre vor Luthers „September Testament“ erschienene Ausgabe gilt als älteste gedruckte deutsche Vollbibel. Sie basiert auf einer Bibelübersetzung, die zum Zeitpunkt der Drucklegung bereits 100 Jahre alt war und vermutlich um 1350 im bairischen Raum entstanden ist. Wie im Mittelalter üblich handelt es sich um eine sogenannte Interlinear-Übersetzung, die ohne Kenntnis des lateinischen Originals, nur schwer verständlich war.

Der Anfang der Genesis etwa lautet: „In dem anegeng geschuoff got den hymel vnd die erde wan finster wart vff dem abgrunde Vnd der gaist gottes ward getrage(n) vff die wasser vnd got d (er) sprach liecht wird gemacht vnd das liecht wart gemacht“.

Dennoch war Mentelins Ausgabe so etwas wie ein Bestseller, vielleicht weil er die gesamte Bibel in einem Band mit 406 Blättern für um die 12 Gulden anbieten konnte. Jedenfalls bildete die Straßburger Ausgabe die Grundlage für weitere 13 oberdeutsche Bibeldrucke und insgesamt sieben Handschriften. Letztere unterscheiden sich jedoch gleich in mehreren Aspekten von ihrer Vorlage. Einmal überliefern einige, wie der Cod. Pal. germ. 16-18, nicht die gesamte Bibel, sondern nur Teile davon. Zum zweiten handelt es sich in der Regel um mehrbändige Exemplare, und außerdem sind manche illustriert.

Die Darstellungen

Aber nur wenige wurden so ausführlich mit Darstellungen ausgestattet wie die drei Heidelberger Codices. Insgesamt existieren in den drei Bänden 308 Illustrationen. Vor allem die beiden ersten Bände erhielten mit 133 und 139 Miniaturen eine nahezu lückenlose Bebilderung beinahe jeden Buchs. Lediglich der Cod. Pal. germ. 18 stellt mit bloß 36 Darstellungen eine Ausnahme dar, vielleicht weil die darin enthaltenen Salomonischen Bücher und die der Propheten keine narrativen Momente zur Illustrierung boten.

Denn im Unterschied zur fünfbändigen Bibel aus der Lauber-Werkstatt (Cod. Pal. germ. 19-23) wurde beim Cod. Pal. germ. 16-18 großer Wert darauf gelegt, das Geschehen der Bibel mit narrativen Szenen vor Augen zur führen. Vielleicht sollte mit Hilfe der Bilder der hinsichtlich seiner Wortfolge nur schwer verständliche Text nacherzählt werden. So wurden immer wieder regelrechte Illustrationszyklen zu einzelnen Geschichten eingefügt etwa zu der des Propheten Jonas (Cod. Pal. germ. 18).

Fol. 378r flieht Jonas, weil er sich dessen nicht würdig fühlt, vor dem Auftrag Gottes, in Ninive zu missionieren, mit einem Schiff über das Meer. Aber ein Sturm kommt auf. Die Seeleute glauben, daß Jonas an diesem Sturm schuld sei und werfen ihn deshalb über Bord (fol. 378v). Er wird von einem großen Fisch verschlungen, der ihn schließlich wieder ausspeit, und erhält erneut von Gott den Auftrag, nach Ninive zu gehen (fol. 379v). Wegen seiner Prophezeiung vom Untergang der Stadt tun der König und sein Volk schließlich Buße (fol. 380r), weshalb Jonas vor den Mauern der Stadt vergeblich auf deren Untergang wartet (380v).

Um das manchmal sehr komplexe biblische Geschehen in den Darstellungen zu verdeutlichen, bediente sich der Illustrator außerdem eines Kunstgriffs, den die Fachwissenschaft als „simultane Illustration“ oder „komplettierende Methode“ bezeichnet. Damit ist gemeint, daß mehrere Szenen oder aufeinanderfolgende Sequenzen eines Geschehens zusammen in einem einzigen Bild dargestellt werden. Etwa in der Szene, in der die Seeleute Jonas über Bord werfen, wird zugleich auch dargestellt, wie der noch über der Reling hängende Prophet schon vom Wal verschlungen wird, obwohl dies erst geschieht, als Jonas bereits im Wasser liegt.

Der Betrug Jakobs (Cpg 16, fol. 37v) Ähnlich wird auch in der Darstellung verfahren, die Jakob zeigt, als er durch eine List den Erstgeburtssegen gewinnt: Während links, direkt neben der Außenwand des Hauses, Esau mit Pfeil und Bogen noch bei der Jagd zu sehen ist, erscheinen rechts, im Hausinnern, am Bett des blinden Isaak bereits Rebekka und der als sein Bruder verkleidete Jakob. Die Szenen sind lediglich durch den Querschnitt durch die Hausmauer voneinander getrennt. Die Miniatur verdeutlicht außerdem einen weiteren Aspekt der Henfflinschen Bibelillustrationen – ihr Reichtum an Details des spätmittelalterlichen Alltagslebens. So ist im Hintergrund der Szene noch das Küchenfeuer mit dem Kessel zu sehen, in dem Jakob das Essen für seinen Vater zubereitet hat.

Der Sündenfall (Cpg 16, fol. 12r)Aber sie gewähren nicht nur Einblicke in die Welt des Alltags im späten Mittelalter, sondern auch in die Vorstellungen dieser Zeit. In der Darstellung des Sündenfalls etwa erscheint die Schlange, die Adam und Eva zum Essen des Apfels verführt, mit einem Frauenkopf. Dieses Motiv geht auf eine seit dem 12. und 13. Jahrhundert in der bildenden Kunst verbreitete und von zahlreichen mittelalterlichen Autoren tradierte Vorstellung zurück. Angeblich soll sich der Teufel, um Eva zu verführen, als Schlange mit menschlichem Gesicht verkleidet haben, das dem Evas glich. Denn sich gleichende Dinge würden einander besonders anziehen – der Grundsatz „Gleich und gleich gesellt sich gern“ galt schon damals.

Abraham vertreibt die vier Könige (Cpg 16, fol. 23r)Die über 300 Illustrationen der drei Handschriften wurden bis auf eine alle von einem Künstler angefertigt. Es ist der Hauptzeichner der Werkstatt, von dem ferner die Darstellungen der Handschriften Cod. Pal. germ. 67, 353, 142, 152, 345 stammen. Da sein Name und auch sonst nichts von ihm bekannt ist, bezeichnete Wegener ihn als Zeichner A.

In den drei Bibelbänden wurde lediglich eine Illustration von einer anderen Hand ausgeführt. Dabei handelt es sich um fol. 23r im Cod. Pal. germ. 16. Die noch unvollendete Illustration zeigt die Vertreibung der vier Könige durch Abraham. Der Zeichner B genannte Künstler ist sonst nicht in den bisher der Henfflin-Werkstatt zugeschrieben Handschriften nachweisbar.

König am Pult ursprünglich aus Cpg 20 (C pg 17 fol. 1r)Aber noch eine weitere Darstellung der dreibändigen Bibel paßt nicht in den Zusammenhang der Henfflin-Werkstatt. Im Cod. Pal. germ. 17 befindet sich auf fol. 1r die Darstellung eines Königs, die eindeutig dem Atelier Diebold Laubers zuzuweisen ist. Ihr Vorhandensein an dieser Stelle ist überlieferungsgeschichtlich bedingt: Ursprünglich gehörte die Illustration zum Cod. Pal. germ. 20. Sie stand dort als fol. 1v vor dem Prologus Galeatus des Hieronymus zum ersten Buch der Könige. Kurze Zeit nach dem Transport der Palatina-Handschriften nach Rom muß sich die Seite, als die Codices, von denen man für den Transport die Einbände entfernt hatte, noch ungebunden in Rom lagen, abgelöst haben. In der Vaticana hat man dann die zur Lauber-Bibel gehörende Seite beim Neubinden der Manuskripte der falschen Handschrift zugeordnet und in den Cod. Pal. germ. 17 eingebunden.

© Ulrike Spyra, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 04/2009

Literatur

  • Württemberg im Spätmittealter
    Amelung, Peter/ Fischer, Joachim/ Irtenkauf, Wolfgang (Hrsg.): Württemberg im Spätmittelalter. Ausstellung des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, Stuttgart 1985, S. 153f., Nr. 160.
  • Bartsch, Handschriften, 1887
    Bartsch, Karl: Die altdeutschen Handschriften der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg, (Katalog der Handschriften der Universitätsbibliothek in Heidelberg 1), Heidelberg 1887 Nr.10-12.
  • Bodemann, in: PBB 1997
    Bodemann, Ulrike: Bildprogramm und Überlieferungsgeschichte. Die illustrierten Handschriften und frühdrucke des >Buchs der Beispiele der alten Weisen< Antons von Pforr, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 119, 1997, S.67-129.
  • KdiHM Bd. 2, S. 116-119
    Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des Mittelalters (KDIHM) beg. von Hella Frühmorgen-Voss, fortgef. von Norbert H. Ott (Veröffentlichung der Kommission für deutsche Literatur des Mittelalters der Bayerischen Akademie der Wissenschaften). München 1991ff., Bd. 2, 1996, S. 116-119, Abb. 72-74.
  • Biblia 1982
    Leonhard, J.-F. (Bearb.): Biblia: Deutsche Bibeln vor und nach Martin Luther. Ausstellung der Universitätsbibliothek Heidelberg vom 15.Dezember 1982 bis 26.Februar 1983 (Heidelberger Bibliotheksschriften 5), Heidelberg 1982, S. 88-89, Nr. 23, Abb. 21 (Bl. 1r).
  • Mittler/Werner
    Mittler, Elmar/ Werner, Wilfried (Hrsg.): Mit der Zeit. Die Kurfürsten von der Pfalz und die Heidelberger Handschriften der Bibliotheca Palatina, Wiesbaden 1986, S. 116, Nr. 29, Abb. S. 117 (Bl. 12r)
  • Rost 1939
    Rost, Hans: Die Bibel im Mittelalter. Beiträge zur Geschichte und Bibliographie der Bibel, Augsburg 1939, S. 328, Nr. 29.
  • Rudolph 2008
    Rudolph, Pia: Buchkunst im Zeitalter des Medienwandels. Die deutschsprachigen Bibelcodices der Henfflin-Werkstatt vor dem Hintergrund der spätmittelalterlichen Ikonographie, 2008
  • Schöndorf 1967
    Schöndorf, Kurt Erich: Die Tradition der deutschen Psalmenübersetzung. Untersuchungen zur Verwandtschaft und Übersetzungstradition der Psalmenverdeutschung zwischen Notker und Luther (Mitteldeutsche Forschungen 46), Graz/ Köln 1967, S. 126, Nr. 28.
  • Werner 1977
    Werner, Wilfried (Hrsg.): Biblia Sacra. Handschriften, Frühdrucke. Faksimileausgaben, Ausstellung der Universitätsbibliothek Heidelberg 1977, Nr. 19-21
  • Wegener 1927
    Wegener, Hans: Beschreibendes Verzeichnis der deutschen Bilder-Handschriften des späten Mittelalters in der Heidelberger Universitäts-Bibliothek, Leipzig 1927, S. VII, 71-79, Abb. 66-67 (Cpg 16, Bl. 10v und 23r)
  • Wilken 1817
    Wilken, Friedrich: Geschichte der Bildung, Beraubung und Vernichtung der alten Heidelbergischen Büchersammlungen. Nebst einem Verzeichniß der aus der pfaelzischen Bibliothek im Vatican an die Universität Heidelberg zurückgegebenen Handschriften, Heidelberg 1817, S. 313f.
  • Wulf 1991
    Wulf, Christine: Eine volkssprachige Laienbibel des 15. Jahrhunderts. Untersuchung und Teiledition der Handschrift Nürnberg, Stadtbibliothek, Ms. Solg. 16.2° (Münchener Texte und Untersuchungen zur Germanistik 98), München 1991, S. 25 (Sigle h1).
  • Zimmermann, in: Kostbarkeiten, 1999
    Zimmermann, Karin in: Schlechter, Armin (Hrsg.): Kostbarkeiten gesammelter Geschichte. Heidelberg und die Pfalz in Zeugnissen der Universitätsbibliothek (Schriften der Universitätsbibliothek Heidelberg 1), Heidelberg 1999, S. 153, Nr. A 24, Farbtafel 6 (Cpg 16, Bl. 9v).