Fliegende Blätter — 82.1885 (Nr. 2058-2083)

Seite: 57
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Ein Prinz als po still on d’amour.

Im Wirthshausc
zuBugenhagen, einem
Dorfe, dos unmittel-
bar vor einer großen
Stadt gelegen, saß
der Schneidergeselle
Fritz und schaute trüb
in die Welt hinein;
denn er liebte die
Leni, des Wirthes
herzig Töchterlein, ein Mäd-
chen mit den rothesten Lip-
pen, den wcißcsten Zähnen,
dem unschuldigsten Lachen
und den süßesten, treuesten
Augen, die man sich denken
kann; aber der Wirth wollte
ilc ihm nicht geben, weil er ein armes Schneiderlein war.

Heute war Kirmeß, aber der Fritz hatte nicht so viel Geld,
hinzugehen, ja er hatte nur einen Groschen, und der lag vor
ihm auf dem Tische neben einem Glas Bier, welches er sich
dafür bestellt hatte. Und die Leni, die wollte natürlich zum
Tanz, aber Fritz? — was sollte er machen? Zu Bette gehen?
Spazieren lausen, wo Alles fröhlich zum Tanze eilte? Ach,
kr hätte weinen mögen, denn die Leni durfte nicht allein zum
Tanze gehen und mit schmucken Burschen tanzen, er aber
konnte nicht mitgehen . . .

So stand er vor dem Fenster, starrte trüb'durch die Scheiben
und sah, wie auf dem gegenüber liegenden Gute Bugenhagen
rin Bedienter das Pferd des Prinzen v o n R ollendors-
Bugenhagen sattelte, der einen Spazierritt machen wollte.

Der Wirth, welcher den Friß schon eine Zeitlang angesehen
.hatte, trat auf ihn zu und sagte, indem er ihm kräftig auf die
Achsel schlug, in spöttischem Tone: „Nicht wahr, Fritz, möchtest
auch wohl so ein Prinz sein?"

Der Fritz hatte gerade ganz mechanisch einen Brief aus
der Tasche gezogen, den er an seinen Onkel geschrieben, und
in welchem er noch — als letzter Rettungsversuch dringlich
um ein paar Thalcr zum Geschenk gebeten hatte. Als er aber
sich nmschaute und dem Wirthe in das höhnische Antlitz sah,
ward er zornig, und cs überlief ihn heiß und kalt. Ohne zu
überlegen, was er sagte, platzte er heraus: „Nun, warum sollt'
ich denn wünschen, ein Prinz zu sein? Was gilt's, und der
Prinz reitet nicht spazieren, sondern zur Stadt, um diesen
Brief zur Post zu bringen sobald ich's ihni nur sag'!"

Da schlug der Wirth ein furchtbares, und fast unheimlich
boshaftes Gelächter auf, bald aber schaute er den guten Fritz
an, als ob er meinte, der sei verrückt worden. Mit lautem
Lachen rief er dann: „Bringt Prinz von Rollendorf Dir diesen
Brief zur Stadt, kannst Du mein Haus kriegen, und Alles,
was ich Hab!"

„Will ich gar nicht", anwortete der Fritz. „Versprecht
mir aber die Leni, und ich werd's versuchen."

„Eingeschlagen," lachte der Wirth. „Dann gehst D»
aber jetzt hin zum Prinzen, und >vir schauen durch's Fenster
und lachen, tvie Du mit Schlägen vom Hof getrieben wirst."

Dem Fritz ivurde es glühend heiß im Kopfe, denn jetzt
bedachte er erst, was er geredet hatte. Plötzlich kam ihm aber
eine Idee. Schnell wie ein Pfeil eilte er zur Thür hinaus,
lief zum Prinzen, der gerade auf's Pferd gestiegen war und
sagte mit tiefer Verbeugung, aber mit schlotternden Knieen und
zitterndem Ton:

„Durchlauchtigster Herr, Sic können einen armen, elenden

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Einzelne Nummer 80

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Objekt
Titel: Fliegende Blätter
Detail/Element: "Ein Prinz als postillon d'amour"
Künstler/Urheber: Wagner, Erdmann 
Inv.Nr./Signatur: G 5442-2 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg 
Schlagwort: Karikatur 
Satirische Zeitschrift 
Herstellungsort: München 
Datierung: um 1885
Bildnachweis: Fliegende Blätter, 82.1885, Nr. 2065, S. 57
Aufnahme/Reproduktion
HeidICON-Pool: UB Fliegende Blätter 
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