Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 29.1894

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Heft 3. Illlustuirte FmniUen-Dertung» Iahrg. 1894.


s war in der Dämmerung. Advokat Pietro


Savoyardenknaöe. Nach einem Gemälde von E. Brack. (S. 63)

c

Castaldi stieg die winkeligen
Steintreppen, die zu seinem
ten, hinab und trat auf die
Gasse. Es war eine jener
engen, schmalen und schmutzi-
gen Gassen mit fünf- und
sechsstöckigen unsauberen Häu-
fte im alten Neapel noch zu

und finsteren
Bureau führ-

Hanne der Camorra.

durcheinander. Nirgends spielt sich der Kampf um's Da-
sein geräuschvoller, nervenerschüttender ab, als in Neapel.
„?er aarUL, xwr earitüH murmelte neben Herrn
Castaldi wieder ein struppig aussehender Mann, der
faul auf der Hafenmauer lag und nicht einmal aufstand,
als er seinen Hut bettelnd hinhielt.
Castaldi sah den Mann ein Sekunde lang scharf an.
Es war ein Mensch von vielleicht vierzig Jahren, in
einen weiten, schmutzigen Mantel gewickelt; an den
Füßen hatte er jene eigenthümlichen Sandalen, wie sie
die Leute in der Campagna und in den Bergen tragen.
Auf dem Kopf trug er einen spitzen, mit roth und blauen
Bändern umwickelten Hut. Das Gesicht war wild und
trotzig, von einem struppigen Bart umrahmt, aus dem
die Äugen schlau und verschlagen hervorblitzten — kurz,

(Nachdruck verboten.)
Siebentes Kerpitek.

fern, wie
Hunderten existiren und die Schlupfwinkel
bilden, in denen sich Elend, Noth, Jam-
mer und Verbrechen verbergen.
„Um Jesu willen, Excellenz," heulte
ihn eine in Lumpen nur nothdürftig ge-
hüllte Frau mit hohlwangigen, bleichen
und kranken Zügen, matter Stimme und
drei kleinen Kindern, von denen nur eines
gehen konnte, an, „um Jesu willen, haben
Sie Erbarmen mit einer elenden, hun-
gernden Familie! Einen Soldo, Excellenz,
einen Soldo nur, um Brod zu kaufen für
meine Kinder. Erbarmen, Erbarmen!"
Castaldi hob zornig den Stock. „Packe
Dich fort, Du alte Schlampe! Das muß
immer betteln.und betteln! Könnt ihr
nicht arbeiten? Fort, scheert euch zum
Teufel oder ich schlage zu!"
Die arme Frau blieb furchtsam stehen,
und Castaldi ging beruhigt weiter. Die
Gasse, in der er sein Bureau hatte, lag
in der Nähe des Hafens, so daß er
gleich darauf an der Strada del Molo
in den Bereich des Hafentreibens kann
Das war ein echt neapolitanisches Bild,
das sich ihm hier bot. Mit vollen Lungen
und grellen Stimmen schrieen die Klein-
händler ihre Waaren aus, eine Unmasse
Menschen füllten, sich langsam aneinander
vorbeischiebend, die Straßen und Plätze,
Esel ächzten vor schweren Karren, auf
denen das Hafengut hin und her befördert
wurde, die großen Eisenkrahne, welche die
Ladungen der Schiffe löschten, kreischten,
in schriller, Mark und Bein durchdringen-
der Weise tuteten die Trambahnkutscher.
Halbnackte Kinder rannten hin und her
und suchten Cigarrenstummel, welche die
Passanten weggeworfen hatten; Händler
mit Orangen, Streichhölzern, Feigen,
Wasser, Melonen, Bildern und Liedern,
Zeitungen tobten in sinnbetäubender Weise

von
Woldemar Urban.
(Fortsetzung.)

es war einer von jenen Leuten, denen man nicht gern
in der Einöde begegnet.
„Carluccio!" sagte Castaldi leise, „bist Du's?"
Der Andere sagte gar nichts mehr, sondern blinzelte
nur verschmitzt und hielt seinen Hut hin, in den Castaldi
nun einige Münzen hmeinwars.
„Was thust Du hier? Bist Du denn toll?"
„Weshalb?"
„Fürchtest Du Dich nicht, erkannt zu werden?"
„Ubdons! Was dann?"
„Man sperrt Dich ein! Du bist ein Camorrist."
Der Kerl lachte übermüthig und frech.
Castaldi sah sich um und schlug seinen Mantel, einen
sogenannten Radmantel, wie ihn die Italiener zu tragen
lieben, über das Gesicht.
„Ist der General in der Stadt?"
fragte er wieder.
Der Andere machte eine verneinende
Bewegung.
„Wo ist er?"
„Wozu wollen Sie das wissen? Ich
kenne Sie nicht," antwortete Carluccio,
nunmehr mißtrauisch.
„Ich hätte vielleicht mit ihm zu reden."
„So sagen Sie mir, wann Sie ihn
zu sehen wünschen. Dann wird er da
sein. Eher nicht!"
„Treffe ich Dich immer hier?"
„Immer bis neun Uhr."
„Und dann?"
Der Andere lachte wieder. „Dann
gehe ich zur Tante."
„Gut, auf Wiedersehen!" sagte Ca-
staldi, indem er sich langsam entfernte.
Man hätte nicht sagen können, ob er so
vertraut mit der Verwandtschaft des Car-
luccio sei, daß er gewußt hätte, wen dieser
mit seiner „Tante" gemeint.
Signor Castaldi ging ohne eine Miene
zu verziehen weiter, schaute nachdenklich
vor sich nieder und schien sich trotz des
überlauten Tumults um ihn her etivas
zu überlegen. Er ging am Palazzo del
Municipio vorbei, über die Piazza San
Ferdinands in die lebhafte Chiaja hin-
ein, und trat gegenüber dem Eingänge
zur Villa nazionale, etwas seitwärts der be-
rühmten Palme, welche die Bewunderung
aller Fremden in Neapel erregt, in ein
Haus, das ein kleines Messingschild am
Eingang als das Klublokal des Circolo
borbonico bezeichnete.
Der Circolo borbonico war in frühe-
ren Jahren eine der vornehmsten Ver-
einigungen des süditalienischen Adels und
hatte sogar zur Zeit des Uebergangs von
der Herrschaft der Bourbonen zum neuen,
savopischen Italien eine große politische
Bedeutung, weil die feudalen Herren von
Unteritalien fürchteten, in der neuen Zeit
und im neuen Italien nicht ihre Rech-
nung zu finden. Dieser Widerstand wurde
aber mit der Zeit immer schwächer und
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