Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 29.1894

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Heft 17. JUustvrvte Famiiren-Dertung. Zahrg. M4.




Die Generalstochter.
vornan

Georg tzartioig.
(Fortjetzunc;.)
s eine Wort, das alles Leid vergessen
macht, das Alles verzeihen läßt, Alles
glaube::, mit welchem die Znknnst jeden
Schreckens entkleidet wird, dieses Wort rnhte
wie ein edler Schatz noch zn tief in Elli-
nores Herzen, das die völlige Hingabe an
den Mann nicht hatte beleben können.
„Dennoch," fuhr Gerd fort, ohne ihre Rechte frei
zu geben, indem er den ungewohnt lebendigen Gefühls-
wechsel ihrer Züge verfolgte, „dennoch habeich gethan, ums
mir in diesen: aus¬
sichtslosen Kampf zu
thun vergönnt war.
Ich habe eine Eini¬
gung nut meinem
Gegner zu erzielen
versucht, mich auf das
halbe Recht der Ge¬
wohnheit, des guten
Glaubens stützend,
und diese Berufung
durch die besten Kräfte
vertreten lassen. Ich
habe gebeten, die all¬
gemein menschlichen
Anschauungen gelten
zu lassen, nach wel¬
chen ich unverschuldet
zum Verlust der Eri-
stenzmittel gezwungen
werden solle. Um¬
sonst! Mein Vetter
blieb der Meinung,
daß seinem wilden
Sprössling,einemJn-
dianerhalbblut, nach
dem Gesetz der Vor¬
rang gebühre. Das
Einzige, was ich durch
die Bemühungen mei-
nesAnwalts erreichen
konnte, war die Zu¬
sicherung William
Glembach's, von der
Herausgabe der be¬
reits verbrauchten
Zinsen abzusehen."
„Wenn Du Dich
früher offen ausge-
sprochen hättest —"
„Aber auch da¬
mit," unterbrach er

einen Einwand, dessen Ziel er kannte und nicht hören
wollte, „ist nichts gebessert. Die Prozeßkosten ver-
langen zunächst und schnell Berichtigung. Ich habe
jetzt am Ende des Quartals wenig bares Geld zur
Verfügung gehabt."
Sie sah ihn verständnißlos an. Was wollte er
denn thun? Mittel besaß er nicht und von ihren:
Vater wollte er nichts annehmen. Konnte inan dem:
ohne Geld leben:? Es lagen jetzt gerade die Rechnungen
ihrer Schneiderin und Modistin vor.
„Ich begreife wirklich nicht," rief sie mit wachsender
Unruhe, „wie Du nut Deinen: Gehalt allen Ansprüchen
gerecht werde,: nullst! Welchen anderen Rath kann ich
Dir geben, als —"
Er drückte ihre Rechte noch einmal, bevor er sie
fallen ließ. „Mein Gehalt ist ein verschwindender Theil
der Summe, welche unser Haushalt erfordert. Darauf
läßt sich nichts basiren. Ain wenigsten in unseren:
Stande. Ja, trifft ein solcher Schlag zwei Menschen,
die sich höher schätzen als Prunk und Glanz, da finden
sich Mittel, eine neue Lebensbahn zu gewinnen. Liebe

Nach einem Gemälde von C. Reichert.

und Selbstgenügsamkeit vermögen viel. Und darum,
weil zwischen uns von der Ersteren nicht die Rede ist,
und ich die Letztere nicht von Dir verlangen kann, da
Du nur den reichen Offizier zum Gatten wählen durftest,
habe ich heute meinen Abschied eingereicht!"
Jetzt schrie sie ans. „Das hast Du gethan? Ohne
mich zu fragen, reichtest Du Deinen Abschied ein?
Sagtest Dich los von dem Stande, der -— Aber siehst
Du denn nicht ein, daß Du damit die letzte Planke
durchschneidest, daß damit Alles, was Dich halten kann,
über Bord füllt? Was bist Du dann? Was hast Du
dann?" Ihre blnuen Augen flammten auf. „Wenn
es ein Verzweiflungsstreich war, nimm ihn zurück. Mein
Vater wird Dich auch darin unterstützen. Ehe er diesen
Entschluß billigt, bringt er jedes Opfer, ich weiß es.
Kann man so gewaltthätig an seiner Familie handeln!
Was darf Aler, was ich ferner noch von Dir ge-
wärtigen?"
„Nichts!" sagte er nut erschütterndem Nachdruck.
Mitten aus dem Rausch ihrer sittlichen Entrüstung
schreckte sie dies Wort wie ein Donnerschlag empor. Ihre
Thränen stockten auf
der erbleichenden
Wange. Ihre Hande
sanken krampfhaft in-
einander vor ahnen-
den: Entsetzen.
Gerd betrachtete
sie ernst, trauernd,
aber mit entschlosse-
ner Haltung.
„Dieses Ereignis;,"
sagte er, ihr näher
tretend, „hat das
schmerzende Band
zwischen uns gelöst.
Du wirst frei sein,
wie Du es insgeheim
lange ersehntest, kannst
Deinem Herzen fol-
gen, das sich stets
nach dem Vaterhause
zurückwünschte —
gleichviel aus welchen
Gründen. Sie haben
ihre Berechtigung jetzt
erhalten, da ich ein
armer Mann gewor-
den bin."
„Und Du?" stieß
sie mit erstickter
Stimme mühsam her-
vor. „Und Du?"
„Ich ziehe des Kö-
nigs Rock aus und
werde Student."
Sie konnte nicht
anders, als schrill
auslachen. Sie würde
sonst laut aufge-
fchluchzt haben vor
innerem Weh und
(S. 407) Groll.

Die sikc'me Thierliünbigcritt.
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