Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 29.1894

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Heft 27. JUnstvirte Familken-Dertnng. Zahrg. W4.


Jessie's Voeuumd.
^oman nns der englischen Gefellschnft.
Von
Hails v. Heldrungen.
(Fortseizung.)
- (Nachdruck Verboien.)
h, das sind solche Sachen," meinte die
Magd mißtrauisch ans Jessie's Vorschlag.
„Ich lanse hier fort und weiß nicht, was
dann kommt. Das ist nichts, Miß. Da
bleibe ich lieber hier und
halte es mit Doktor Cum¬
mins, statt mit Ihnen."
Jessie hätte weinen mö-
gen vor Schmerz und Jam-
mer. Auch diese schivache Hoffnung sollte
sich zerschlagen? Das Herz krampfte sich
ihr bei dem Gedanken zusammen. War
denn keine Rettung, keine Hilfe? Sie
nahm die schlampige Magd bittend bei
der Hand und sagte mit tieferer Stimme,
um nicht in Schluchzen auszubrechen:
„Taddy, um des Erlösers nullen,
helfen Sie mir in der Noth, und ich
will Sie nicht verlassen mein Leben
lang. Bringen Sie meinen Brief nach
London. Sie bekommen sofort bei Ab-
lieferung an die richtige Adresse hun-
dert Pfund Sterling, und wenn ich
erst frei lun, sollen Sie eine Belohnung
erhalten, mit der Sie ein Geschäft an-
fangen und sich verheirathen können.
Wollen Tie denn ewig in Halssea-Castle
bleiben und sich schlagen lassen? Daddy,
seien Sie barmherzig mit einem elenden,
unglücklichen Geschöpf. Auf den Knicen
will ich Sie flehen, nur erbarmen Sie
sich meiner in der Noth!"
Auf dem Gange hörte man Tritte.
„Still, Miß, der Herr kommt,"
flüsterte Taddy. „stch komme nachher
zurück. Wir reden weiter."
Indem trat Doktor Commins ein.
„Was thust Du hier?" fuhr er die
Magd barsch an.
„Sehen Sie das nicht?" erwiederte
ihn: diese grob.
„Scher' Dich fort!"
„Na ja. Ich geh' ja schon!" entgeg-
nete Taddy und ging.
Jessie sühlte, wie der Blick des Dok-
tors mißtrauisch auf ihr ruhte. Sie wagte
nicht aufzublicken, aus Furcht, sich durch
Aufregung und Befangenheit zu ver-
rathen. Langsam und ruhig verzehrte
sie das Essen, das Taddy ihr gebracht
hatte. Jetzt galt's, klug zu sein, wenn
nicht Alles scheitern sollte.

„Haben Sie sich überlegt, Miß Jefferson, was ich
Ihrem Onkel schreiben soll?" fragte Commins endlich.
„Ja."
„Nun?"'
„Da Me mir nicht erlaubt haben, Herr Doktor, an
meinen Vetter Hugh einen Brief zu schreiben, den dritte
Personen nicht lesen, so bestehe ich darauf, daß ich
meinen Vetter vor allen Dingen persönlich spreche.
Von dein Ausfall der Unterredung hängt dann mein
endgiltiger Entschluß ab," antwortete Jessie langsam
und gemessen.
„Hm," entgegnete Doktor Commins nach einer kur-
zen, nachdenklichen Pause noch immer etwas mißtrauisch,
„in diesem Falle müßte sich Ihr Vetter natürlich hier-
her bemühen."

„Natürlich. Da Sie nicht damit einverstanden sein
werden, daß ich ihn anderswo spreche, so müßte es
freilich hier geschehen."
„Sie haben nicht erwartet, daß ich damit einver-
standen sein würde?"
„Nein!"
Damit schien das Mißtrauen des Doktors beseitigt
zu sein, und die kleine List Jessie's, vor allen Dingen
nur Zeit zu gewinnen und ihre Widersacher hinzuhalten,
schien gelungen zu sein. Commins ging wieder fort,
nachdem er erklärt hatte, den Brief ohne Verzug an
Mr. Jefferson abfertigen zu wollen.
Gleichzeitig stellte sich aber wieder eine neue Schwie-
rigkeit ein. Als er fortging, schloß er, wie gewöhnlich,
die Thür von außen zu. Diesmal hörte aber Jessie
deutlich, ivie er auch den Schlüssel abzog
und mitnahm, was sonst nicht geschah.
Wie sollte sie nun mit Taddy weiter ver-
handeln?
Gleichwohl ging Jessie sofort an die
weitere Ausführung ihres Planes. Zu-
nächst handelte es sich um die Herstel-
lung der Mittheilung an Doktor Streh-
len. Das hatte seine Schwierigkeiten
insofern, als inan Alles, was etwa zum
Schreiben dienen konnte, sorgfältig aus
ihrem Zimmer entfernt hatte. Sie hatte
weder Tinte, noch Feder, noch Papier.
Ein Bleiknopf und eine Zeitung, in
der Taddy vor einigen Tagen ihr Früh-
stück gebracht und die Jessie sofort mit
der Erfindungsgabe der Noth versteckt
hatte, das waren ihre ganzen Hilfsmittel.
Mit dem Bleiknopf unterstrich sie nun
auf der bedruckten Zeitung hier ein Wort,
da einen Buchstaben, machte hier ein
Komma, da einen Punkt — es war eine
mühsame Arbeit, aber sie gelang. Nur
mußte der Empfänger des Blattes wis-
sen, daß er nur die unterstrichenen Theile
der Zeitung zu lesen habe, und das konnte
Jessie nöthigenfalls auf den Rand der
Zeitung schreiben. Dann schrieb sie auf
ein Stück alter Leinwand die genaue
Adresse des Doktor Strehlen. Aber nun
das Nöthigste — Taddy kam nicht!
Jessie lauschte von Stunde,zu Stunde;
es ivar schon fast Mitternacht, und die
Magd kam nicht. Was nützte ihr nun
alle Energie, alle Schlauheit und Klug-
heit, nut der sie so mühsam ihren Plan
in's Werk gesetzt hatte? — jessie schlief
in dieser ganzen Nacht nicht. Sie zählte
die Glockenschlüge jeder Stunde und
horchte auf das geringste Geräusch. Der
Sturm suhr sausend und heulend um
das einsame, auf der Höhe stehende Ge-
bäude und pfiffdurch die niedrigen Zwerg-
tannen, die da und dort die Höhen be-
deckten, das war in den langen, bangen
Stunden Alles, was Jessie hörte. Hor-
chend, die großen Augen m die blinde
Finsterniß vor ihr gerichtet, lag sie auf

Der kleine Kralnkant. Nach einem Gemälde von Hans Bachmann. (S. 646)
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