Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 29.1894

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Heft 16. JUustvrrte Famriren-Dertung. Iahrg. M4.


Die Generalstochter,
Roman
Georg Hartioig.
(Fortsetzung.)
-- (Nachdruck verboten.)
ie zeHrrtes K «a p i t s l".
och ehe Margarethe vom Schlaf erwacht
ivar, erhielt sie einen Brief des Geliebten
zugestellt. Auch diesen hatte jedoch ihr
Gatte zuvor gelesen.
„Heiß geliebte Margarethe!
Vergebens habe ich bisher auf den be-
sprochenen Brief gewartet. Ich kann mich
der vermehrenden Angst nicht länger ver-
schließen, daß derselbe in unrechte Hände
gelangt ist. Eine innere Stimme sagt es
mir. Halte genaue Nachfrage nach dem
Verbleib. — Keine Sekunde in dieser
Nacht, wo Du nicht wieder an meinem
Herzen geruht hättest und Deine Lippen
mir von Liebe sprachen.
In ewiger Treue Dein Hans."
Sie sprang vom Lager auf, warf den
Brief zu dem vorangegangenen in ihren
Schreibtisch und antwortete in unbegreif-
lichem Leichtsinn und ohne Verständnis;
für die Gefahr ihrer Lage:
„Ich weiß wirklich nicht, Geliebter,
was hübscher war, von Dir zu träumen
im Schlaf oder nut wachen Augen. Meine
Gedanken sind entweder im blauen Kabi-
net oder in Deiner Wohnung — jedenfalls
immer bei Dir. Denke Du an unsere
Zukunft — ich will die Gegenwart ge-
nießen. Wie kannst Du fragen, ob ich
Dein Weib werden null? Natürlich! Stets
bin und bleibe ich Dein. Was könnte ich
nicht für Dich thun, Geliebter!
Dein Gretelein."
Sie siegelte das Schreiben und über-
gab es Lonny zur weiteren Besorgung in
den Briefkasten. — — — — —
Gegen zwölf Uhr Mittags trat plötz-
lich und unerwartet der Präsident in das
Zimmer der jungen Frau. Er sah blei-
cher aus als sonst, im klebrigen war er
unverändert in Sprache und Haltung.
Bei seinem Anblick schlug ihr das Herz.
Doch blieb sie in ihrer halbsitzenden Stel-
lung, bis Langermann auf ihren Schreib-
tisch zuschritt, den er auch vor ihr erreichte,
obgleich Margarethe in glühender Hast dar-
auf losstürzte.
Der Präsident wies ihre ausgestreckte
Hand mit einer unbeschreiblich geringschätzi-
ge): Bewegung von den: noch halb geöff-
neten Fach zurück.

„Ich suche nur die Briefe des Herrn v. Kaiserling.
Die Deinen habe ich hier in meinen: Portefeuille."
Er hatte mit richtigem Griff die beiden Schreiben
aus der Schublade genommen.
Starr vor sprachlosem Entsetzen stand die schul-
dige Frau da. Eine jähe Ahnung des Konunenden,
des unausbleiblich Konunenden, durchzuckte sie be-
täubend.
„Ich bin nicht neugierig," höhnte der Präsident, „da
ich mit dein Inhalt der beiden Briefe hinlänglich ver-
traut war, ehe sie in Deine Hände kamen."
Er nahm sein Portefeuille hervor, öffnete es und
legte die vier Schreiben nebeneinander. „Dies sind die
Beweise Deiner Untreue," sagte er ohne Erregung und
gerade deshalb für die junge Frau nut vernichtender
Schürfe. „Sie genügen." Er lachte bitter auf. „Mit
Deinen: Galan werde ich morgen abrechnen. Was Dich
anbelangt, so wirst Du mein Haus ohne weiteres Auf-
sehen verlassen und zu Deinem Vater —

„Zu meinem Vater?" rief sie todtenbleich. „Nie!
Eher sterben!"
„Wie Du willst!" erwiederte er kalt. „Ich über-
gebe Dich Deinem Vater. Was dann geschieht, soll
nur herzlich gleichgiltig sein. Die Nüttel zum Umzuge
bewillige ich, nichts weiter."
Es siedete in ihr. Der Haß und die Angst, der
Versuch einer Bitte und das Bewußtsein ihres Elends
befehdeten sich in ihren: Innern
„Du —" rief sie ihre Hände ineinander drückend —
„Du wirfst mir vor —" sie strich das Haar leiden-
schaftlich von der Stirne zurück. „Nein! Du hast kein
Recht! Du bist mein Richter nicht!" Sie war völlig
außer sich.
„Wenn Dir ein ganzes Kollegium lieber ist," unter-
brach er sie ohne eine Spur von Schmerz oder Zorn,
„mir nicht. Du begreifst, daß ich nicht darnach verlangen
kann, meinen Namen in den Mund der Klatschmäuler
gebracht zu sehen."
„Hans Kaiserling habe ich geliebt, es
ist wahr!" rief sie. „Ehe ich Dich kannte,
liebte ich ihn schon."
„Du und lieben!" sagte er mißächtlich.
„Eine Frau ohne Geist und Gemüth!"
War es die Angst vor der Zuchtruthe
ihres Vaters oder war es die Angst vor-
der Öffentlichkeit, Margarethe rechtfertigte
seine beißende Kritik, indem sie zu ihrem
Gatten eilte und um Schonung bat. Nicht
aus Neue, aus Berechnung eher, aus Selbst-
sucht, aus Thorheit, aus Furcht — sie
wußte es nicht.
„Ich schwöre Dir," rief die unglück-
liche Frau, ihr heißes Gesicht trocknend,
„daß. Du nie wieder Grund zur Klage
haben sollst. Ich flehe Dich an, sage mei-
ne,: Eltern nichts, sage Papa nichts! Ich
ertrüge es nicht. Ich will —"
„Vielleicht wieder die griechische): Kai-
ser lernen?" siel er mit so vernichtendem
Hohne ein, daß sie zusnmmenzuckte.
„Du bist ein Unmensch!" stieß sie haß-
erfüllt hervor. „Wenn ich leugne, und ich
thue es —"
„Hier sind die Beweise Deiner Schuld.
Sie kommen nicht aus dieser Brieftasche."
„Lonny! Die Elende, die Gewissen-
lose!"
„Dir steht diese Art Kritik besonders
gut!" schnitt er diesen erneuten Ausbruch
ihres Zornes schonungslos ab. „Bereite
Deine Uebersiedlung vor. Du wirst ver-
muthlich für's Erste mit Deiner Mutter
auf Reisen gehen!"
Sie wollte ihm nachstürzen. Aber auf
der Hülste des Weges blieb sie stehen,
schlug die Hände vor ihr Antlitz und brach
in ein thränenloses, krampfhaftes Schluch-
zen aus. Hans im Duell erschossen viel-
leicht — und sie? Wohin sollte sie, wenn
nicht zu ihren: Vater? Ja, was hatte sie
sich denn eigentlich gedacht, wo sie die
Jahre des Wartens zubringen wollte,


General der Infanterie Aronfart v. Schellendorf,
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