Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 29.1894

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Heft 28. AUustrrrte Famiiren-Zertung.

Zahrg. 1894.

IMe's Vormund.
Roman aus der englischen Gesellschaft.
Von
Hans v. Heldvungen.
(Forisehung und Schluß.)
———— (Nachdruck verboten.)
Ns will WNU von mir, John? Wer ist drau-
ßen?" fragte Simon Jefferson, und ein
kleines, unmerkliches Zittern der Stimme
ausgenommen, erschien nichts Aufgeregtes
oder Unruhiges im Wesen dieses Mannes.
„Hier sind die Herren, Sir," antwor-
tete der Diener schell und zog sich eilig zurück.
Mit einer unheimlichen Geschwindigkeit traten jetzt
Inspektor Snuggs und zwei Unterbeamte, zuletzt auch
Doktor Strehlen in's Zimmer. Die zwei Unterbeamten
gingen sofort auf Simon Jefferson zu, griffen ihn rechts
und links an der Hand, fest lind energisch, so daß er
fast aufgeschrien hätte.
Snuggs setzte feinen Cylinder auf den Tisch
und langte aus der Tasche ein paar Hand-
schellen.
„Mr. Simon Jefferson," sagte er kalt und
eisig, „Sie sind verhaftet, im Namen der
Königin."
Mrs. Jefferson stieß einen Schrei aus und
sank in einen Lessel. Hugh stand ganz starr
und sprachlos vor Bestürzung.
„Meine Herren," sagte Simon Jefferson
ruhig — er hatte die Handschellen schon an —,
„das muß doch wohl auf einem Jrrthum be-
ruhen. Ich bin mir nicht bewußt, was ein
solches Verfahren rechtfertigen könnte. Wer
find Sie?"
„Sie kennen mich nicht?" antwortete
Snuggs, „ich denke, Sie kennen mich sehr
wohl, Air. Jefferson. Habe ich Sie nicht
noch vor Kurzem in den Seven Dials zurecht
gewiesen, als Sie sich verirrt hatten? Sie
Undankbarer! Sehen Sie, ich habe seitdem
eine solche Anhänglichkeit an Sie, daß ich
Sie keine Minute, die in den drei Wochen
verflossen ist, außer Augen gelassen habe, und
auch jetzt werde ich Sie wieder zurechtweisen,
aber nicht nach Piceadillp, sondern in das
Newgategefängniß, Sir. Vorwärts!"
„O mein Gott, mein Gott!" stöhnte Mrs.
Jefferson.
-Man fetzte dem Gefangenen einen Hut
BZ —' er konnte sich ja mit den gefesselteil
Händen nicht selbst helfen, und machte sich
zum Gehen bereit.
„Es lvird sich Alles alifkläreil, Jane. Hörst
Du? Es ist ein Jrrthum, muß ein Jrrthum
fein," sagte Jefferson. „Weiß ich doch nicht
einmal, wessen man mich anklagt."
„In der That, Mr. Jefferson," antwor-
tete Snuggs nochmals, „Sie haben so viel

auf dem Kerbholz, daß man einigermaßen in Verlegen-
heit ist, wessen vlan Sie zunächst anklagen soll. Sie
werden aber darüber zur Genüge unterrichtet werden.
Zweifeln Sie nicht daran. Jetzt vorwärts. Wir haben
keine Zeit zu verlieren."
Die Beamten nahmen Simon Jefferson in die Mitte
und stiegen, auf der Straße angekommen, mit ihm in
einen Wagen, der sie nach Newgate brachte.

20.
Simon Jefferson trug im Anfang feiner Gefangen-
schaft eiil sehr zuversichtliches Wesen zur Schau und
machte auf Fernerstehende durchaus den Eindruck einer
leidenden Unschuld. Aber das war nur im Anfang.
Wenn er geglaubt hatte, entfliehen zu können, so muß-
ten ihn die langen, Tag und Nacht bewachten Gänge,
die mit himmelhohen Mauern umgebenen Gefangenen-
höfe von Newgate, und die vollkommen sicheren Zellen
in der Abtheilung für schwere Verbrecher sofort be-
lehren, daß es von diesem Ort keine Flucht gab.
Schon bei seinen: Eintritt in das Gefängnis; hatte
er in einein Durchgangszimmer die schweren Eisen-

I-riedrich August v. Kauwach. (S. 667)


fesseln an den Wänden hängen sehen, die dort zur Er-
innerung an berühmte und berüchtigte Verbrecher, wie
den schrecklichen Raubmörder Jack Sheppard und den
hünenhaften Dick Tarpin, aufbewahrt werden, gleich-
sam als Trophäen der Justiz. Wo solche Ausnahme-
menschen gebändigt worden waren und — geendet hatten,
gab es für Simon Jefferson keine Aussicht mehr. Er
hatte seinen eigenen Wärter, der ihn nicht aus dem
Auge ließ und ihn persönlich genau kannte.
Oder hatte Simon Jefferson gehofft, sich, wie man
zu sagen pflegt, durchzulügen? Dann waren die fürchter-
lichen Tage der Verhöre und Verhandlungen gekommen.
Er hatte natürlich Alles leugnen wollen und sich dabei
in die häßlichsten Widersprüche verstrickt.
So hatte er behauptet, an dem Abend, an dem
Finding ermordet worden war, zu Hause gewesen zu
sein; aber die Zeugen beschworen, ihn auf der Straße
gesehen zu haben. Bob behauptete, ihn im Hausgang
gesehen zu haben, als man ihn: Simon Jefferson wäh-
rend der Verhandlung mit aufgeschlagenem Rockkragen
vorsührte, und Jefferson's eigener Diener beschwor, ge-
sehen zu haben, wie er das Haus verließ und wie er
zurückkam. Noch schlimmer gestaltete sich der Nachweis
seiner Beziehungen zu dem Advokaten, zum
Vormundschaftsgericht und zu seiner Nichte.
Schritt für Schritt war man ihm nachge-
schlichen, jede seiner Bewegungen hatte man
ihm abgelauscht.
Er ivar erstaunt über das erschöpfende
Beweismaterial, welches die Polizei über ihn
gesammelt hatte, Minute für Minute seines
Lebens der letzten Zeit legte inan ihm klar,
und sowie er etwas Unwahres behauptete, be-
wies inan ihn: an der Hand der Thatsachen
das Gegentheil. Man wußte Alles, Alles,
und hatte ihn wie eiil umstelltes Wild fest
und sicher im Garne.
Da war endlich Simon Jefferson ermattet
zustrmmengebrochen und hatte Alles gestanden;
nicht nur die Betrügereien gegen seine Nichte
und den Mord an Finding, sondern auch den
Mord anseinem Bruder, obgleich ihm dieser wohl
schwerlich hätte nachgewiesen werden können.
Aber er war sterbensmatt, lind nur um end-
lich Ruhe zu haben, gestand er auch das.
Null, Ruhe sollte ihm nun werden, mehr
als genug. Nach viermonatlichem Aufenthalt
in Newgate war sein Prozeß beendet. Er war
zum Tode verurtheilt, und am Abend hatte
mail ihm gesagt, daß fein Gnadengesuch ver-
worfen und daß — es morgen früh um sechs
Uhr „sein würde". Es war der dreiundzwan-
zigste März.
Nun wußte Simon Jefferson, daß Alles
vorbei war, Alles! Nichts konnte ihn mehr
retten. Nun schlichen sich die Gedanken wie
Schlangen in fein Herz hinein, verbitterten
und vergifteten ihm die letzten Stunden, ver-
wüsteten feinen Schlaf durch fürchterliche
Träume.
Es war Nacht. Die Gefängnißuhr schlug
Zwei.
„Noch vier Stunden," murmelte Simon
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