Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 29.1894

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Heft 6. Iltustrivte FamiUen-Deitnng. Zahrg. iM.


R o ut a n

HettcraMeutenant A. Areiherr v° Asch zu Asch,
dcr neue bnyrischc Kriegsininister. (S :42)

Im Amme öer Camorra-

wickelte es in eine Zeitungsnummer, die er im Lause
des Tages gekauft hatte.
„So, nun sind wir fertig. Nicht wahr, Semmola?"
„O, o, Herr Herzog, halten zu Gnaden, wenn Sie
einem alten ehrlichen Mann nicht noch ein kleines
Trinkgeld zukommen lassen wollen — o, eine Kleinig-
keit, damit ich mir auch einmal einen guten Tag machen
kann."
Attilio griff noch einmal in seine Brieftasche und
legte noch zwei Zehnlirescheine auf den Tisch.
„Da, Semmola. Es soll mir nicht darauf ankom-
men. Aber ich verlasse mich auf Ihre Verschwiegen-
heit. Verstanden? Halten Sie reinen Mund. Es soll
Ihr Schaden nicht sein."
„O, o, Herr Herzog, ich bin stumm wie das Grab." —
Als Attilio mit Graf Tozzo den Laden Semmola's
verließ, athmete er wie von einer Bergeslast befreit
auf lind drückte das Kästchen wie einen wahren Schatz
an sein Herz. Es kam ihm in den Sinn, was ihm
seine Schwester von dem angeblich dem Schmuck inne-
wohnenden Zauber erzählt hatte, und wenn
er bedachte, wie bange Sorgen und schlaf-
lose Nächte ihm derselbe in der letzten Zeit
verursacht, und welcher erlösenden, be-
freienden Ruhe und Seligkeit er theil-
hastig wurde, als er ihn endlich wieder in
seinem Besitz wußte, so war er geneigt zu
glauben, daß die Tradition doch nicht so
ganz und gar Ammenmärchen war, wie er
bisher gedacht.
„Es ist jetzt zwanzig Minuten nach acht
Uhr, Emilio," sagte er zu seinem Begleiter,
„um halb zwölf Uhr geht der letzte Zug
nach Castellnmare. Du kannst also noch
ruhig mit uns essen, damit Niemand Deine
Abwesenheit auffüllt. Dann setzest Du Dich
in den Zug und bist noch vor dem Mor-
gengrauen in Positano, um meiner Mutter
den Schmuck zurückzubringen."
„Ich bin ganz zu Deiner Verfügung."
„Wie ich Dir dankbar bin! Jetzt wollen
wir rasch noch nach dem Telegraphenamt.
Es liegt ja am Wege. Ich will meine
Mutter telegraphisch verständigen, daß Alles
in Ordnung ist, und ihr Deine Ankunst an-
zeigen."
Auch das wurde rasch besorgt, und
die beiden Herren kamen nach kaum halb-
stündiger Abwesenheit wieder im Palazzo
dei Tibaldi an. Von Don Luigi war
nichts mehr zu sehen. Als sie den Speise-
saal betraten, saßen die Herrschaften schon
bei Tisch.
„Attilio!" rief Herzog Cesare lebhaft,
als er seinen Sohn eintreten sah.
Attilio trat schnell hinter seines Vaters
Stuhl und beugte sich zu ihm nieder.
„Ist es wahr, was Du dem Staatsan-
walt Ghilazzimitgetheilthast? Der Schmuck
hat sich wirklich wiedergefunden?"
„Gott fei Dank, ja. Ich habe eben
nach Positano telegraphirt, wie glücklich
wir Alle darüber sind, daß diese häß-

von
Wvldrmar Urban»
(Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)
as soll denn noch passiren?" fragte der
junge Herzog. „In zwei Minuten
habe ich den Schmuck, Du bringst ihn
noch heute Nacht nach Positano, damit
man meine Abwesenheit nicht ver-
dächtig findet, und Alles ist in Ord-
nung. Ich sehe wirklich nicht, was
noch dazwischen kommen könnte."
Der Semmola ist ein durchtrie-

bener Gaumr," wandte Graf Tozzo ein.
„Das werden wir gleich sehen. Komm,
wir sind da."
Der Laden des alten Semmola war
geschlossen, aber durch die Ritzen der Läden
schien Licht. Herzog Attilio pochte kräftig an.
„Wer ist draußen?" hörte er gleich
darauf die Stimme Semmola's fragen.
„Machen Sie auf, Semmola," rief
Attilio, „ich komme, um unser Geschäft
abzuschließen."
„O, o, Herr Herzog! Sofort, sofort.
Haben Sie einen kleinen Augenblick Ge-
duld." Damit hob Semmola den schweren
Vorlegebalken und öffnete die Thüre des
Ladens. Attilio trat mit seinem Begleiter
ein.
„O, o, Herr Herzog, ich bitte einen
Augenblick um Geduld, bis ich den Laden
wieder geschlossen habe. Sie wissen, ich bin
ein alter schwacher Mann und habe wohl
Ursache, mich vor den jungen Bösewichtern
unserer Tage zu fürchten. Sicher ist sicher,
nur einen Augenblick, Herr Herzog."
„Machen Sie nicht so viel Umstände,
Semmola. Unser Geschäft wird rasch er-
ledigt sein. Ich habe nicht viel Zeit.
Schmuck liegt doch bereit?"
„Alles ist bereit, Herr Herzog,
wissen, ich bin ein alter ehrlicher Mann,
der fein Wort hält und seine Geschäfte gern
in Frieden abmacht. So! Bitte, kommen
Sie, meine Herren."
Semmola hatte die Ladenthür wieder
von innen fest verschlossen. Nun nahm
er einen Leuchter und führte die Herren
beim Scheine einer trü be brennenden, flackern-
den Kerze in sein Privatkomptoir.
„Ich denke, wir können zu unseren: Ge-
schäft genug sehen, meine Herren. Das
Gas ist so theuer. Ich habe es nusgedreht,
weil ich nicht wußte, ob Sie noch kommen
würden."

„Machen Sie nicht so viele Redensarten. Wo ist
der Schmuck? Hier ist Ihr Geld. Sie haben die fünf-
zigtausend Franken, die ich Ihnen heute Morgen gab,
schon abgehoben?"
„Halten zu Gnaden, Herr Herzog, ja. Sie wissen,
Unsereins braucht sein bares Geld. Mein Gott, es
ist mein Handwerkszeug, Herr Herzog. In meinem
Alter hat man kein anderes."
„Gut, gut, Semmola. Aber den Schmuck, den
Schmuck!"
Semmola schloß seinen Geldschrank auf. Er sah
eigenthümlich leer aus, als wäre er eben erst ausgeräumt
worden. Er brachte aber auf den ersten Griff das be-
kannte Kästchen hervor, öffnete es und ließ die Steine
vor den Herren funkeln.
„Hier, hier, Herr Herzog! Sehen Sie? Wie Sie
ihn mir übergaben, fo erhalten Sie ihn wieder zurück."
Attilio hatte das Geld auf den Tisch vor
Pfandleiher hingezählt. Nun griff er hastig nach
Kästchen, klappte es nach einem raschen Blick zu
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