Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 29.1894

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Heft 26. IHustrirte Famr^ren-Deitirng. Iahrg. iM.


und ehe sich Jessie dessen versah, stand sie


(Nachdruck verboten.)
Das ist Halfsea-Castle," sagte Doktor Com-
' mins, auf das Haus vor ihnen deutend-
„Wie?" rief Miß Jessie erschrocken.
„Ja, das ist Halfsea-Eastle. O, Sie
müssen nicht nach dein ersten Eindruck
T) urtheilen. Sie wissen, das ist immer
P falsch. Kommen Sie nur erst hinein!"
Wo waren denn nun die prächtigen
Wälder, die herrliche Luft und all' die Herrlichkeiten
des Prospektes von Doktor Eommins? Jessie wurde
sich jetzt rasch klar darüber, wie Unrecht sie Doktor
Ltrehlen gethan hatte Er hatte in seinem Eifer, ihr
zu nützen, gethan, was ihm möglich gewesen
war, auch ohne daß sie ihn beauftragt hatte.
Wenn sie nicht beachtete, was er gesagt hatte,
ihn sogar noch verdächtigte — so war das
nicht seine Schuld, sondern die ihrige gewesen.
Es war gegen neun Uhr, als man in Half-
sea-Castle nnkam. Eine schlampige Magd, die
das derbe und feste Eichenthor öffnete und so-
fort wieder schloß, ein kahler, bäum- und
buschloser Hof, der so staubig und öde aussah,
ivie ein kleiner Exerzierplatz, ein Vorhaus mit
schmutzigen Treppen und Gängen, noch ein
schlampiges Frauenzimmer, das sich als Frau
Doktor Eommins entpuppte, das waren die
ersten Eindrücke von Halfsea-Eastle, die Jessie
empfing.
In der Thür stand ein kleines Mädchen,
blaß, bleichsüchtig, verkommen, aber mit rüh-
rend schönen, großen Augen. „Sie bringen
schon wieder Eine," sagte sie halblaut, als die
Leute an ihr vorübergingen.
Herr Doktor Eommins wurde furchtbar
böse und fuhr die Kleine mit einer abstoßen-
den Heftigkeit an: „Bist Du schon wieder
unten, Du kleiner Balg? Hat Dir Sam nicht
gesagt, Du solltest oben in Deinem Zimmer
bleiben? Ich will Dir helfen, hier herum-
zugaffen, Du —"
Er schlug zornig nach ihr. Die Kleine floh
erschreckt und fiel — Jessie direkt in die Arme.
Jessie war starr vor Entsetzen über diese Roh¬
heit. Sie nahm das Kind in ihre Arme und
fragte fest und energisch:
„Wollen Sie sie schlagen, Herr Doktor?"
„Ei was, kommen Sie, Miß. Kommen Sie!"
„Keinen Schritt weiter!" bäumte sich Jessie
mit aller ihr zu Gebote stehenden Energie auf.
„Nicht einen Schritt mehr. Dies Haus ist ein
verfluchtes Haus. Ich will sofort umkehren.
Wann geht der nächste Zug nach London?"

Romnn ans der englischen Gesellschaft.
Von
ans v. Hrldeungen.
(Fortsetzung.)

„Sam!" rief Doktor Eommins. „Wo zum Henker
steckt der Kerl wieder? Sam! Sam! — Der nächste Zug
nach London? O, Sie haben Zeit, Miß. Sie werden
ein kleines Frühstück nicht verschmähen. Bitte. — Sain,
zum Teufel, wo bist Du denn?"
Ein Mann ohne Nock, in aufgekrempten Hemdärmeln
und schmutzigen, vertretenen Schuhen, schlürfte den Gang
her. Eine Art Hausknecht mit roth gedunsenem Gesicht
und harten, schwieligen Händen.
„Sam, führe die Dame in's Umkleidezimmer," be-
fahl Doktor Eommins.
Entrüstet schaute Jessie zuerst auf Doktor Eommins,
dann auf ihren Onkel, wobei sie im Fluge bemerkte,
daß dieser lebhaft auf Mary einredete, und diese ihr
verstohlene Zeichen zu machen suchte. Was ging hier
vor? Ein fürchterlicher Schreck befiel Jessie. Was
wollte man von ihr? War sie-war sie schon Ge¬
fangene?
„Ich will —" brachte sie zitternd vor Aufregung
vor.
„Was Sie wollen, ist hier ganz gleichgiltig," sagte
der Hausknecht, hob sie wie eine Feder auf seine mäch-
tigen Arme,

in einein Zimmer mit weißgetünchten kahlen Wänden,
zwei stark vergitterten Fenstern, einigen Stühlen, einen:
Tisch, einem Bett, Alles so primitiv wie möglich, und
einen: Betstuhl, über dem das Bild des Erlösers hing.
Die Unglücklichen, die hierher kamen, konnten seine
Hilfe brauchen!
„Dort liegt Ihre Anstaltskleidung, Miß, wie Sie
sehen, schon fix und fertig. Wenn sie nicht so exakt
passen sollte," hörte sie den Menschen, der sie hierher-
gebracht, sagen, „so liegt dort in dein Kästchen Näh-
zeug, dessen Sie sich bedienen dürfen. Und nun seien
Sie so vernünftig, wie Ihnen möglich," fügte er mit
lauterer, fast drohender Stimme hinzu. „Machen Sie
vor allen Dingen keinen Lärm, das sage ich Ihnen.
Wenn Sie Lärm machen, so sollen Sie rasch wissen,
was hier Hausordnung ist. Verstanden?"
Jessie hörte vor Schreck und Aufregung kaum, was
der Mann sagte. Wie aus allen Himmeln gestürzt,
wie eine wirklich Verdammte, verdammt zu allen Qualen
des Lebens, stand sie da. Bleich und zitternd sah sie
den Menschen an, der so mit ihr zu sprechen wagte.
Sie sah, wie er roh, gleichgiltig, geschäftsmäßig seine
Hantirungen besorgte und dann ruhig fortging, als fei
gar nichts weiter vorgefallen. Sie hörte, wie
er von außen die Thür zuschloß. Sie war
allein, gefangen, wie ein Verbrecher, wie ein
wildes Thier! Was hatte sie verbrochen? Eine
unbeschreibliche Wuth beinächtigte sich ihrer.
Die kleinen, zarten Fäustchen bearbeiteten die
verschlossene Thür, bis sie bluteten, und Tone
stieß sie dabei aus, vor denen sie selbst er-
schrocken wäre, wenn sie sie nur vor Aufre-
gung gehört hätte. Jeder gesunde, mitfühlende
Mensch, der sie in dieser Situation beobachtet,
hätte sich sagen müssen, daß sie unter diesen
Umständen um ihren Verstand kommen müsse!
Doktor Eommins saß mit Jefferson und
Miß Mary etwa drei Zimmer weiter entfernt
beim Frühstück und ließ sich's vortrefflich mun-
den. Mary weinte; Simon war bleich und
ziemlich erregt.
„Hören Sie sie?" fragte Doktor Eommins,
sich zu Mary hinüber neigend, „hören Sie das?
Und Sie wollen mir vorschwindeln, Ihre
Herrin untre gesund? Wäre nicht tobsüchtig?
Davon ivar ich überzeugt, als ich sie das erste
Mal sah. Aber ich kenne das wohl. Das
dauert hier einige Tage. Dann ist es vorbei.
Dann beginnt meine Kur und ist, wie ich
hoffe, in etwa zwei bis drei Monaten zu Ende.
Mit dein Frühjahr gebe ich Ihnen die theure
Kranke sicher als geheilt zurück, und Sie wer-
den mir, ebenso wie Sie mir jetzt zürnen, dann
danken. Verlassen Sie sich darauf."
Dabei schob er behaglich kolossale Stücke
Fleisch in den großen Mund und trank ab
und zu in großen Zügen Doppelbier, während
das gellende, herzzerreißende Geschrei Jessie's,
bei den: Mary Krämpfe zu bekommen drohte,
schauerlich das Haus durchhallte.
Simon Jefferson, dein bei der Sache durch-
aus nicht wohl zu sein schien, stand auf.
„Wir müssen aufbrechen, Mrs. Wimpletom




Ludwig Aukda. (S. 622)
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