Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 2.1851

Page: 209
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Zeitung

für bildende Kunst und Baukunst

.Unter Mitwirkung von

Hunftbhrtt

Organ

der deutschen Kunstvereine,

Kugler in Berlin — Fassavant in Frankfurt — Waagen in Berlin — 'Wiegmann in Düsseldorf — Schnaase
in Berlin — Schulz in Dresden — Förster in München — Eitelberger v- Edelberg in Wien

redigirt von Hr. F. Eggefs in Berlin.

jW 27.

Sonnabend, den 5. Juli.

1851.

Paul Delaroche's neuestes Bild: „Marie Antoinette vor
ihren Richtern".

Öe

Seit einigen Tagen ist in der Galerie des Kunsthändlers
Goupil das neueste Werk von P. Delarocke, „Marie Antoinette
vor ihren Richtern", ausgestellt. Vor wenigen Wochen erst,
wie es scheint, legte der Künstler in Nizza, wo er den Winter
zubrachte, die letzte Hand an dieses Bild, welches demnach
für den Salon jedenfalls zu spät gekommen wäre, selbst wenn
D. dessen Ausstellung mit und neben den andern Hervorbrin-
gungen lebender Künstler beabsichtigt oder zugegeben halte, was
zu bezweifeln ist, da er zu denen gehört, die es ihrem Ruf.
für zuträglicher erachten, sich in vornehmer Zurückgezogenheit
zu halten, und auf'den jährlichen Ausstellungen fort und fort
„durch ihre Abwesenheit: zu glänzen". Das Publikum wird auf
diese Art freilich um manchen Genuss gebracht, dem Künstler
aber gelingt diese selbstsüchtige Berechnung in sofern, als da-
durch die immerhin gefährliche Probe der Oeffentlichkeit um-
gangen, und ein vielleicht grosser und allgemeiner, möglicher-
weise aber auch bestrittener Erfolg, durch die Gunst des zum
Voraus eingenommenen und zur Bewunderung gestimmten Aero-
pags in einen unbezweifelten verwandelt wird. Wicht wenig
trägt zu einem solchen Erfolge allerdings der sehr hoch anzu-
schlagende Yortheil der Absonderung und der günstigen Beleuch-
tung bei. Der Zuschauer befindet sich nämlich in einem ganz
dunkeln Räume dein von oben beleuchteten 'Bilde gegenüber,
welches rings von braunrolhem Sammt umgeben und dessen
Rahmen sogar mit Gaze verdeckt ist, so dass, ausser der Ma-
lerei, nichts den Blick anziehen, die Aufmerksamkeit zerstreuen
und der Wirkung Eintrag thun kann. Diese Wirkung ist denn
auch gross und im ersten Augenblick so. überraschend, dass
man Mühe hat, sich des bestechenden Eindruckes zu erwehren:
erst in Folge der Reflexion und einer aufmerksamen Betrach-
tung überzeugt sich das Auge, dass das Licht, das auf die Haupt-
figur fällt, grell und hart, die Schatten schmutzig und undurch-
sichtig und die Uebergänge ohne Feinheit sind, kurz, dass wir
uns hier nicht dem Werke eines Colaristen gegenüber befinden.

Dieses vorausgeschickt, gehen wir zu der Beschreibung
des Bildes über, dessen Gegenstand nicht, wie der Titel ver-
muthen liesse, der Augenblick der Verurtheilung, sondern der
darauf folgende ist. In dem dunkeln Hintergrunde eines ge-
wölbten Saales der Conciergerie sitzt beim Schein einer an de

Decke befestigten Lampe der Gerichtshof, vor dessen Schranken,
unter den verläumderischesten und entehrendsten Anklagen, die
ehemalige Königin von Frankreich geladen ist. Der Vorsitzende
hat das Schuldig ausgesprochen, und steht noch, während
die übrigen Richter ihre Sitze einnehmen. Die Yerurtheilte aber
hat alsbald dem Tribunal den Rücken gewandt und einige Schritte
vorwärts gethan, von zwei Wärtern mit entblössten Säbeln be-
gleitet, die sie in ihr Gefängniss zurückführen. Marie Antoinette
ist (in Lebensgrösse) ganz von vorn gesehen und von der ein-
fallenden Tageshelle beleuchtet. Zu ihrer Linken, von einem
Geländer-zurückgehalten und in einen Winkel des Saales zu-
sammengedrängt, stehen die Zuschauer, unter denen der Künstler
-besonders 2 Köpfe' mit Absicht hervorgehoben und mit Sorgfalt
ausgeführt hat: ein junges Mädchen, auf dessen Zügen sich Neu-
gier malt, mit mitleidiger Theilnähme gepaart; und eine zahn-
lückige Alte mit zerzaustem Haar und mit dem scheusslichsten
Ausdrück der niedrigsten Schadenfreude, eines jener Weiber,
die, nach des Dichters Ausdruck, zu Hyänen werden können.
Hinter diesen beiden unterscheidet man einen Sansculotten mit
der rothen Mütze und mit der gegen die Abtretende geballten
Faust und einige andere Zuschauer in verschiedenen Bewegungen.
Mit grosser Kunst hat der Meister in der Haltung und in den
Mienen der 2 bewaffneten Wächter, die den vollständigsten Typus
der Freiheitsmänner aus der Schreckenszeit verwirklichen, den
Kampf zwischen natürlicher Rohheit und Gefühllosigkeit, strenger
Pflicht und der unwillkührlichen Bewunderung dargestellt, welche
so viel heldenmüfhige Standhaftigkeit, so viel Adel und Würde
denen abnöthigt, die monatelang schon die ihrer Macht entklei-
dete Königin, im:'Glänze, ihrer Seelengrösse, wie von einem
Heiligenschein umgeben, gesehen und in der Stille beobachtet
hatten. Mit wahrhaft königlichem Anstand aber, im Bewusstsein
ihrer Unschuld und mit dem Stolze der unwürdig gekränkten
Frauenehre schreitet M. Antoinette einher, im schwarzen Kleide,
ein weisses Tuch auf der Brust, die aufgelösten Haare auf ihre
Schultern fallend. Der Zustand dieser Haare, welche nur stel-
lenweise die Spuren des Puders tragen, deutet zur Genüge die
zwecklose Härte an, mit welcher der Gefangenen selbst das zur
äusseren Pflege ihrer Person Notwendige versagt wurde. Ihre
ganze Gestalt, vor allem. aber der Kopf, der als der geistige
Mittelpunkt des Bildes gleichsam die ganze.Bedeutung der Com-
position in sich fasst,. ist ein wahres Meisterstück von Charak-
teristik und Ausdruck, und vielleicht das Gelungenste und Er-
greifendste was P. Delaroche in seiner langen künstlerischen
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