Eggers, Friedrich [Editor]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 5.1854

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aus dem .'Waldesgrund um die Felsenecke - vortritt und eben nicht sehr-
große Freudenbezeugungen bei den hohen Verwandten hervorruft.
Der Künstler hat, wie man sieht, Natur, Charakter, Bewegungen
und Ausdruck der Bestien gut stndirt, ebenso Farbe, Fett und Mähne,
so daß nur noch, was ihm gewiß nicht schwer satten wird, feinere
Zeichnung und Modellirung der Muskulatur und des-Knochenbaues
hinzukommen muß, um ihm eine ausgezeichnete Stelle seines Fachs
zu sichern.

An dem Bilde von Berdellä sieht man, wohin es führt,
wenn ein Künstler, bevor er für Zeichnung und Composition einen
festen Grund gelegt hat,- nach Farbenwirkuug im Ganzen und im
Einzelnen trachtet. Wie Christus mit auf den Rücken gebundenen
Händen, den Kops und Blick emporgerichtet, die Stufen des Palastes
von Kaiphas emporsteigt, ist gut empfunden; aber der Mangel einer-
strengen Zeichnung, edler und reiner Formen wird nicht ersetzt durch
eine, den späteren Venetiauern und gar ihren nachgedunkelten oder
beschmutzten Bildern abgelernte Farbe, zu der dann auch noch bei
den andern Figuren die eckigen und unruhigen Bewegungen kommen,
welche durch Paolo Veronese und Tintoretto in die Kunst eingeführt
rmd dann überall ohne Noch und ohne Wahl angebracht wor-
den sind.

Morgenstern's Landschaft ist vom Starenberger Seeufer ge-
nommen. Ein heitrer Sommernachmittag mit weißen Wolken auf
blauem Grunde liegt über der reizenden Gegend, in deren blaue
duftige Ferne mit der Bergkette der Alpen Mau aus einem bereits
von der Sonne gebräunten Vorgrund und durch die Schatten einer
dunkeln Buchengruppe mit behaglicher Wonne hiuaussieht.

Die Auspfänduug von Flüggen gehört unbedenklich zu den
besten Bildern der Ausstellung. Der Maler versetzt uns in die
Wohnung eines — anscheinend ohne seine Schuld — verarmten
Tonküustlers, gegen welchen so eben ein Gläubiger sein Recht in
aller Strenge geltend macht. Links neben dem Tisch, an welchem
der Gerichtsschreiber Platz genommen, steht der arme junge Familien-
vater, das furchtsame vierjährige Töchterchcn auf den: einen Arm,
während er den andern um seine sich an ihn anschmiegende Frau
legt. Auch sie legt, wie auf den gemeinsamen gefährdeten Haus-
schatz, ihre schützende Hand auf das Töchterchen. Aber neben dem
Vater steht der siebenjährige Sohn voll heftigen Zornes. Der Erbe
von des. Vaters Kunst hat er seine Geige und einen Pack Noten
unterm Arm, und zeigt, daß er sich keins von beiden nehmen läßt.
Vor dem leeren Kamin sitzt, das halbjährige, sanft schlummernde
Enkelchen im Schooß, die gute Großmutter und weint. Flehend
wendet sich die alte Magd zu dem Gerichtsschreiber, als ob der
etwas ändern und den Bedienten zurückhalten könnte, der die ver-
pfändeten Kleidungsstücke sortträgt. Der Gerichtsdiener im Hinter-
grund- wohl gewöhnt an derartige Scenen, kann doch nicht ohne
verhaltenen Grimm auf den Mann sehen, der den Jammer über
die Familie bringt. Dieser, ein reicher, rauher und auch wohl roher
Mann aus der Classe der Pächter, sitzt mit gespreizten Beinen an
der Vorderseite des Tischs, gegen etwaige Rührung mit der Ver-
pfändungs-Vollmacht in der einen, mit dem Sacktuch in der andern
Hand und mit verbissener Gleichgültigkeit im Gesicht bewaffnet. Am
Boden vor ihm liegt neben einer Schatulle eine Hängeuhr und ei-
niges Silbergeschirr, das er mit Beschlag belegt hat. Von aller
Habe scheint der: armen Schuldnern nichts zu bleiben, als ein Fin-
kenkäfig, die Wiege und — der vertrocknete Mhrthenkranz an der
Wand. Bis auf eine etwas gezwungene, mit dem Körper contra-
stirende Bewegung des Kopfes der jungen Frau ist die Darstellung
von größter Wahrheit; Charakterzeichnung und Ausdruck find spre-
chend und ohne alle Uebertreibung. Dazu kommt eine sehr gute
Stimmung, eine bei aller Einfachheit belebte und sehr harmonische
Farbenwirkung und eine ganz gleichmäßige, vollendete, liebevolle

Durchführung, ohne Mühseligkeit, aber auch ohne jene Bravour, über
welcher man so leicht den Gegenstand übersieht, dem sie gilt.

III. e. Zwei weibliche Bildnisse von G. Cornicelius in
Hanau; eine Mutter mit ihren Kindern am Brunnen von Elisene
Girl in Augsburg; eine böhmische Landschaft von Alois Bnbckk
in Prag; ein weibliches Bildniß von Adelheid Wagner aus Dres-
den ; eine Landschaft aus dem Sarcathale in Südthrol von Fr. W a ch S -
mann in München; ein männliches Bildniß von L. Kachel in
Carlsruhe; eine heil. Familie von I. Kaspar aus Obergünzburg;
Rauch's Bildniß von Adi Henning in Berlin; eine Scene aus
dem dreißigjährigen Kriege von Jen ne Bocklund in München;
Bendemann's Bildniß von I. Hübner in Dresden; ein Stillleben
von Ad. Schäffer in Wien; eine große Felsenlandschüft von
H. Hein lein; der zerrissene Kranz von Elise Wagner aus Dres-
den; ein weibliches Bildniß von Ed. Bendemann in Dresden;
würfelnde Landsknechte von Fr. Bischofs in München.

Auf. dieser Wand fesselt zunächst H e i rrl'ArdßMüMchäst,
zu welcher die Motive aus dem Calandagebirge in den rhätischen
Alpen genommen find. Zwischen mächtigen, dunkeln Granitmassen
stürzt die Tamina ihre bläulichen, weißschäumenden Fluthen nieder;
Nebel- und Wetterwolken, vom Zugwind gehoben und gegen die
Felswände getrieben, verdecken das Sonnenlicht, das nur mit einem
durchbrechenden Strahl auf den sprühenden Tobel und die ihn ein-
engenden Granitmauern fällt, und den hochausragenden Berggipfel
des Calanda mit Silberschimmer überzieht. Heinlein's große poetische
Kraft, die das Starke liebt und mit dem Gewaltigen spielt, feiert
in diesem Werke ein wahres Jubelfest, und sollten Einem oder dem
Andern die Gegensätze zu grell, die ganze Darstellung übertrieben
erscheinen, den müßte man warnen, Begeisterung mit dem Maaße
des Verstandes zu messen und hohe Freudetrunkenheit mit nüchternen
Augen anzusehen.

Auf Ausstellungen leidet oft ein Bild durch seine Nachbarschaft,
durch Glanz und Pracht und Effekt eines nebenstehenden Gemäldes.
Es ist kein unbedeutendes Zeugniß für die energische Wirkung von
Heinlein's Bild, daß es auf der einen Seite das Stillleben von
Adalbert Schäffer mit seinen blinkenden Gold- und,..Silber-
gesäßen, der leuchtenden Farbenpracht der Frucht- und Blumenstücke,
der tiefen, harmonischen Färbung, der wohlthuenden Ruhe und der
vollendet sreien malerischen Behandlung und Durchführung; auf der
andern Seite das höchst brillante Blumenstück von Elise Wagner
mit seiner Naturtrcne, Frühlingsfrische, glücklichen Farbenwahl und
Zusammenstellung und seiner leichten und meisterhaften Ausführung,
ohne allen Nachtheil zu Nachbarn hat.

DaS Bildniß Bendemann's von Hübner hat große Schön-
heiten und gehört unstreitig zu den bedeutenden Leistungen dieses
Fachs; dagegen das weibliche Bildniß, das Bendemann ansgestellt,
von Vielen als die Perle der Ausstellung gepriesen, erfreut allgemein
in so hohem Grade, daß es schwer fällt, sich — etwa um Verglei-
chungen anzustellen— davon zu trennen. Mit der Schlichtheit eines
alten Meisters, in der Richtung selbst der größten, hat Bendemann
uns das Bild eines durch und durch liebenswert!) en Charakters, und
doch gewissermaßen ohne alle Beziehung zur Außenwelt, vorgeführt.
In schwarze Seide gekleidet, ein einfaches weißes Häubchen auf dem
glattgescheitelten Kopf, die rechte Hand auf der Brust, inacht diese
Frau den Eindruck des innern Friedens, der Häuslichkeit und herz-
voller Güte. Geschmackvoll in der Anordnung und schön in Hal-
tung und Bewegung, edel in der Zeichnung, fein und klar und warm
in der Färbung, zeichnet das Bild sich noch besonders durch eine
zarte, vollendete, aber durchaus nicht ängstliche oder gesuchte Be-
handlung ans und wird jedenfalls und jederzeit zu den klassischen
Kunstschöpfungen unserer Tage gezählt werden.

III. cl. Eine Landschaft vom Bodensee von Fr. Thurau in
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