Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 10.1902

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HEINRICH VOGELER * WORPSWEDE.

ler Umstand, dass es
Sitte ist, über Kunst zu
schreiben, über alles
Viele, was auf den Aus
Stellungen und in den
Kunst - Salons erscheint,
zu urteilen, trägt sehr
viel zu der grossen Verwirrung
bei, die seit lange in der Wert-
ung von Kunst-Werken herrscht.
Unsere Sprache ist nicht so reich
(.und welche Sprache wäre es), um
für alle diese tausend und abertausend
Kunst-Ausdrücke die entsprechenden
Worte zu haben, und unsere Schrift-
steller sind nicht gerecht und nicht
gründlich genug, um in der geringen
Auswahl von Bezeichnungen immer
glücklich zu sein. Durch die Zeitungen be-
sonders hat sich ein Kunstkritik-Stil gebildet,
der deshalb entwickelungsfähig scheint, weil
er sich mit der ihm eingeborenen Schnellig-
keit gut gefundene Schlagwörter, die von
Lionardo oder von Ruskin, von Muther oder
von Lichtwark zuerst gebraucht worden sind,
Zu eigen macht; einmal in seinem Besitz,
er>tfremden sie rasch ihrer eigentlichen Be-
deutung, verlieren im schleuderhaften eiligen
Gebrauch ihre Prägung, tauchen in immer
zweifelhafteren Zusammenhängen auf, bis sie
schliesslich nicht mehr wert sind als Gemein-

plätze aus alten Kunstgeschichten, flach und
gefällig und jedem Lehrling zu Willen.

Vor Kunst-Werken ist nichts so ge-
fährlich, als die Notwendigkeit, urteilen zu
müssen. Sie allein ist schon eine Un-
gerechtigkeit, die unserer unnaiven und
urteilbereiten Zeit gar nicht mehr ganz zum
Bewusstsein kommt. Der Natur gegenüber
empfindet der Eine oder Andere noch jenes
natürliche Verhältnis der einfachen An-
schauung, das man zu Vorhandenem hat,
wenn man nicht daran denkt, dass es ein
Gemachtes, Geschaffenes ist. Grosse Kunst-
Werke wirken von selbst durch ihr Vor-
handensein, durch die unendliche Thatsache
ihres Daseins, — und es wäre der einzige
Ausweg aus dem verwirrenden Gedränge
sich widersprechender Meinungen, dass man
sich an sie hielte und die paar Worte von
Freude und Erhabenheit, die die Sprache
bietet, für sie aufsparte, statt alle Ausdrücke
für das Grosse und Wertvolle, am Mittelgut
oder an zeitlichen Werken abzustumpfen.
Was zwingt die Menschen, von den wirk-
lich bedeutenden Werken abzusehen und die
gefällige und flüchtige Produktion des Tages,
die aus einem Wünschchen von heute ent-
steht und einen Durst von morgen stillt,
mit jenen Worten zu feiern, die sie aus den
Kränzen holt, die in den Tempeln der
grossen Kunst aufgehängt sind? — die
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