Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 10.1902

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mcickintosh und die Schule Don Glasgow in Curin.

PANTE GABRIEL ROSSETTI war
der Erreger der leuchtenden Woge
geistiger Kraft, welche die tiefen,
schweren, gleichmässig in sich ver-
rollenden Gewässer angelsächsischen Lebens
wieder einmal über sich empor auffluten
machte, dass sie mit murmelnden Chören auch
an die Gestade des Kontinentes anbrandeten.
Er war ein Dichter, auch in seinen Malereien,
die er weder um der Form, noch um der
Farbe willen schuf, sondern die ihm nur als
gesteigerte Schriftzeichen und gedrängtere
Symbole galten. Er war ein Dichter, nicht im
gewöhnlichen und allzu modernen Sinne Jener,
die da Verse machen wie die Atelier-Maler
ihre Bilder malen, und die Theater-Stücke ver-
fassen wie die Mode-Dekorateure neue Stile
hervorzaubern, indem sie sagen: »nur um der
Kunst willen«, wir aber fragen: wozu also?
Er war ein Dichter in dem unerschütterlichen
Bewusstsein eines in ihn gelegten Herrscher-
Willens und eines Gesetzgebers der zukünf-
tigen Seelen. Wir sehen wie Vergangenes
und Kommendes ihm gleicherweise allgegen-
wärtig war, dass es sein Inneres durchwandelte
wie einen Weidenwald rätselhafte Schatten
durchziehen. Eine Welt hat sich in ihm
erlebt, jene grösste, für uns Menschen eben
noch empfindbare Spanne von Zeit und
Geschehnissen und »Geschichte«, die wir
eine »Welt« nennen, wie wir von dem
Sternen-Himmel sagen: siehe die Welt! —
Vieles von dieser Welt war vergangen
und alt: Dante und Giotto, Botticelli und

Lionardo, in Ihm aber noch gegenwärtig und
jung; Vieles aber war noch Zukünftiges,
Werdendes: Er aber besass es schon. Es
wäre verführerisch, solchen Beobachtungen
weiter nachzugehen und etwas von dem
imperatorischen Wesen des Dichters, des
Künstlers von grosser Rasse und grossem
Sinne zu erkennen zu geben und etwa zu
erforschen, welche Arten des Herrschertums
der Vorzeit in solchen ihre Neugeburt unter
den vergeistigten Formen moderner Kultur zu
feiern scheinen, priesterliche und kriegerische;
allein das würde uns nicht zu den schottischen
Künstlern und Werken hinleiten, denen diese
Blätter und Abbildungen zugedacht sind.

Es ist nur eine von den unmittelbaren
Wirkungen, die von Rossetti wie konzentrische
Wellen - Kreise über ganz Britannien aus-
gingen, der wir hier folgen dürfen. Während
in England William Morris, der grosse Mann
der That, und Ruskin, der Mann der Predigt,
ja Kunst - Demagoge aus dem »Hause des
Lebens« Rossetti's, die Werte entnahmen,
aus denen sie eine grosse Bewegung in den
angewandten Künsten hervorgehen lassen
konnten, eine Bewegung, die nun auf dem
Kontinente ihre ins Unermessliche wachsende
Fortsetzung findet, indessen sie in der eng-
lischen Heimat selbst vornehm verstummt, —
während England im engeren Sinne so das
»gelobte Land« moderner Gewerbe-Kunst
wurde, schien Schottland von dem frucht-
baren Hauche nicht berührt zu werden. Die
Maler-Schule der »Boys of Glasgow«, im

1902. XII. 1.
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