Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 10.1902

Page: 413
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1902/0131
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Gustav Ebe—Charlottenburg.

Verhiche in moderner Bciu-Orncimenfik ♦ Schluß

Von der Flächen-Ornamentik wollen wir
hier ganz absehen, sie kann sich in den
Motiven ungebundener bewegen, als die an
den Gliederungen, wie dies auch stets der
Fall gewesen ist, und hat nur das Gesetz
der nach oben oder unten gerichteten Ent-
wickelung oder des richtungslosen, voll-
ständig zentralen Ausfüllens zu befolgen. —
Noch weniger kann man, wie beiläufig be-
merkt werden soll, die bewusst moderne
Bewegung bemängeln wollen, wenn sie den
Versuch macht, den weiten Kreis der kunst-
gewerblichen Arbeiten, wie sie zur Aus-
stattung des Inneren der Bauten und zur
Herstellung des Hausrats erforderlich sind,
nach einem neuen Prinzip der Ornamen-
tierung zu behandeln. Besonders liegt das
letztere Feld ganz ausserhalb der unserer
Besprechung gezogenen Grenzen. Aber
soweit sich die neue Ornamentik an den
stützenden, lastenden, teilenden, verbindenden
oder abschliessenden Bau-Gliedern versucht
hat, wäre zu prüfen, ob unter dem Gebotenen
noch etwas Besseres vorhanden ist, als die
direkt von Ost-Asien oder über Amerika
importierten Mode - Formen. Allerdings
dürfen wir nicht hoffen, sofort auf einen
Haufen neuer Erfindungen zu stossen, die
sich auch durchaus nicht auf Kommando
hervorzaubern lassen; und wir wollen zu-
frieden sein, wenn auf dem fraglichen Gebiete
einzelne neue Leistungen hervortreten, die,
wenn auch nicht durchweg
vollendet, doch mindestens
den zum Ziele führenden
Weg andeuten. — Wir
werden in den meisten
Fällen die zur Zeit vorhan-
dene Unzulänglichkeit der
Versuche, das Bau - Orna-
ment in neuer Art zu ge-
stalten, bestätigt finden, ob-

wohl auch einigemale bessere Anläufe vor-
kommen. Im ganzen ist die eingetretene
wohlthätige Reaktion gegen das Zuviel der
schmucklichen Teile, wie es die kritiklose
Nachahmung des Barocks aufgebracht hatte,
mit Anerkennung zu begrüssen. Auf diesem
Wege sind die Engländer vorangegangen
und haben auch bei uns Nachfolge gefunden,
obgleich die englische, mitunter etwas ge-
suchte Einfachheit, welche sich in fast gänz-
licher Vermeidung der Schmuck - Formen
und einer hierdurch bedingten, gelegentlich
unschönen Vernüchterung äussert, noch
keine eigentliche Lösung, sondern wohl nur
eine Negation der Aufgabe gebracht hat.

In der bisweilen launenhaften Gestaltung
neuerer Säulen- und Pf eiler - Kapitelle, so
lange sie noch durch Verwendung auf-
gerichteter Blätter und stützender Voluten-
oder Kopf-Formen unter den Ecken der
Deck-Platte den Anschein stützender Gegen-
wirkung festhalten, kommt noch dasselbe
Prinzip zur Geltung, welches den freien
Schöpfungen der Früh - Renaissance den
ihnen eigenen Reiz verlieh. Immerhin bilden
solche Fantasie - Kapitelle Anzeichen indivi-
dueller Auffassung und sind als erfrischende
Abweichungen von der gedankenlosen Nach-
ahmung der klassischen Muster willkommen.

Die Pfeiler-Kapitelle im Prinz-Regenten-
Theater in München von Heilmann & Litt-
mann (Deutsche Bauztg. igoi Nr. 76) zeigen
am Kopf der kannelierten
Schäfte, unter dem Archi-
trav, statt des Kapitells nur
einen durch Flach-Relief be-
zeichneten Abschnitt, sind

]\TOTIZ. Die Zeichnungen für Buch-
Schmuck, welche auf dieser und
den beiden folgenden Seiten abge-
bildet wurden, sind sämtlich von
RICH. GRIMM in Crefeld entw.
loading ...