Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 10.1902

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Georg Fuchs: Ein Meister der Lichtbild-Kunst.

WILHELM WEIMER—DARMSTADT.

irgend ein Funke der lebendigen Mensch-
lichkeit zu entlocken ist, da kann man sicher
sein, dass er es thut. Die Vorbedingung
zu einem guten Bild von Weimer ist also
ein gewisser »Verkehr der Seelen«, und wo
dieser Kontakt nicht hergestellt wird, sei es
weil man sich die Zeit nicht dazu nahm, sei
es gleichviel aus welchem anderen Grunde,
da wird Weimer nichts Aussergewöhnliches
geben können, ja er wird sehr oft gezwungen
sein, »das Verfahren einzustellen«. Aber
man wird uns nun zustimmen, wenn wir
wiederholen: Weimer's Künstlertum ist seine
Persönlichkeit; indem er diese frei und un-
gehemmt auf eine andere Persönlichkeit
wirken lässt, ruft er diese gewissermaßen
wie mit einem magnetischen Zwange von
Gleich zu Gleich an ihre Oberfläche — und
in diesem Momente wird sie exponiert. O,
wie sie sich oft sträuben und wehren, diese
Einsiedler - Seelen, wie sie sich zieren und
in tausend Schleiern verbergen! O, welche
Kraft, welche Liebe muss auf sie wirken

Photogr. Bildnis der Pianistin Frieda Hodnpp.

aus Dem, der sie sucht und ruft, bis sie
sich ihm endlich, endlich enthüllen!

Hiermit hoffe ich erklärt zu haben,
warum Weimer so ausserordentliche Bildnisse
geschaffen hat, ohne dabei die Grenzen der
Photographie irgend überschritten zu haben,
und ebenso, warum sein Apparat zuweilen
zu versagen scheint. Freilich wird ihm der
Fall nicht selten vorkommen, dass die auf-
genommene Persönlichkeit, vorzüglich Damen,
gerade dann mit dem Bilde nicht »zufrieden«,
ja darüber empört, entrüstet sind, wenn es
ihm selbst besonders gelungen erscheint.
Er weiss eben von einer anderen Schönheit
als der dürftige Durchschnitts-Mensch, der
sich nur photographieren lässt, um vor
Seinesgleichen damit zu prahlen, und der
also auf seinem Konterfei alle die »Werte«
vereinigt finden will, die bei Seinesgleichen
in Geltung sind — sie sind danach. Ein
Mann wie Weimer muss sie belächeln. Er
bannt das Individuum auf der Platte so wie
er es »entdeckt« hat, er hält seine ewige
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