Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 10.1902

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Joseph August Lux—Wien:

Künstler nicht, dass damit nichts Bleibendes
geschaffen wurde. Das Wort Versuch wird
betont. Die Arbeit selbst ist zugleich Lohn.
Als Kraftmesser, Kraftmehrer. Sie wollten
lernen, um einer solchen Aufgabe gewachsen
zu sein, falls sie einmal wirklich kommt.
Die Gelegenheit, einen derartigen raum-
künstlerischen Versuch im eigenen Hause
zu wagen, bot Klinger's Beethoven, der,
eben vollendet, den Mittelpunkt der Aus-
stellung bilden sollte. Aus dem Hauptwerk,
das wir zunächst in's Auge fassen wollen,
ergab sich die Raum-Idee.

Klinger stellt Beethoven als Titan der
musikalischen Inspiration dar, weltentrückt
über einer Wolke thronend, zu seinen Füssen
den vertrauten Flieger, der scheu und ehr-
fürchtig zu ihm aufblickt. Der aus Bronze
hergestellte Thron-Stuhl, auf dem der Genius
ruht, ist mit Reliefs geschmückt, welche
hellenische und christliche Gedanken symboli-
sieren, gleichsam als Elemente unserer Kultur.
Sie geben die Grund-Motive der Schöpfungen
Beethovens an. Das schmerzliche Ringen nach
Erkenntnis und die Qualen des Erkennens,
dargestellt in Adam und Eva, im Baum
der Erkenntnis und im Tantalus. Und dann
die Liebe als Erlösung der Welt, verkörpert
einesteils als die schaumgeborene Göttin,
deren Schönheit Wunder thut, andernteils als
jene Wahrheit, die auf Golgatha sichtbar
ward. An der oberen inneren Kante des
Sessels verläuft ein leuchtendes Band aus
mosaikartig zusammengesetzten Steinen, aus
dem in Elfenbein geschnittene Engelsköpfe
mit Flügeln aus dunklem Opal hervortreten.
Die heroischen und seraphischen Elemente,
die antiken und christlichen Empfindungen
lösen sich in Harmonie auf in der Seele des
thronenden Ton-Heros. Der nackte aus
weissem Marmor gebildete Körper, dessen
Gliedmaßen ein faltenreicher Überwurf aus
Laaser Onyx deckt, zeigt den Akt eines
ebenmässigen auf der Höhe der Entwickelung
stehenden Mannes. Die Energie des Fantasie-
und Gedanken-Menschen prägt sich nicht in
der physischen Beschaffenheit aus. Sie ist
hier in der Haltung des leicht vorgeneigten
Körpers und Kopfes, in der ruhenden, aber
wuchtig zur Faust geballten Hand und

namentlich im Antlitz ausgedrückt und zur
gewaltigen Entschlossenheit gesteigert. Die
starre, steinerne Ruhe ist seltsam belebt,
gleichsam bewohnt von einer drangvollen
Seele, die mit erstaunlicher Intensität im
Antlitz und Blick offenbar wird. Es ist
der Ausdruck Eines, der einer inneren Ton-
Welt lauscht. Der nach Klarheit ringende
gigantische Meister erscheint zugleich auch
als Kämpfer, mit dem durchaus richtigen
Wesenszug in's Pathetische, Mythische,
Heroenhafte. Der Geist der Musik Beet-
hovens, die infolge zunehmender Schwer-
hörigkeit vom Alltag abgekehrte Lebens-
weise des Ton-Dichters haben wesentlich
dazu beigetragen, seine Gestalt in das Reich
der Mythe zu entrücken. Sein Menschliches
verschwindet unter seiner überragenden
geistigen Bedeutung. Für uns lebt er vollends
als die Ideal-Gestalt, deren karakteristische
Züge nicht so sehr der Zufälligkeit seines
Seins, als vielmehr dem ewigen Wesen
seiner Schöpfungen entnommen sind.

Max Klinger, der congeniale, grübelnde,
philosophische Künstler, der schon in seinem
»Christus im Olymp« eine Verschmelzung
antiker und christlicher Welt-Anschauung
versucht hat, erschaute ihn in dieser Mythen-
Gestalt, aller Zeitlichkeit entkleidet, als Heroen
auf dem Throne Kronos'. Was kümmert
uns das Zeit-Kostüm? Kein Noten-Blatt, kein
Pult, keine Lyra deutet den Musiker an.
Und dennoch ist alles auf den musikalischen
Ausdruck berechnet, um für das Auge das
zu sein, was Beethoven's Kompositionen für
das Ohr sind: Sichtbare Musik. Ein so
ausserordentliches Problem drängt auch zu
ausserordentlichen Mitteln. Die Farbe tritt
dabei in ihr Recht. Über die Verwendung
von farbigem Gestein entnehmen wir aus
Klinger's Schrift über » Zeichnung und Malerei«
folgende sehr lehrreiche Worte: »Wo von
der farbigen Erscheinung ausgegangen, mit
den entsprechenden Materialien gearbeitet
wird, da würde ganz im Gegensatz zur all-
gemeinen Befürchtung die Rückkehr zur
Einfachheit zum strengen Festhalten des
plastisch Wesentlichen, zum schärfsten Ab-
wägen der Kompositions-Teile nur immer
notwendiger sich herausstellen, und damit
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