Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 11.1902

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ITALIENISCHE KUNST-GEWERBE

AUF DER TURINER AUSSTELLUNG 1002.

Das unserer Veröffentlichung über die
Turiner Ausstellung zu Grunde ge-
legte Prinzip, die Abteilungen der
einzelnen Nationen als Symptome des all-
gemein-kulturellen Niveau's der Völker zu
begreifen und von der Höhe dieses Niveau's
aus zurückblickend, wiederum den Stand des
künstlerischen Gewerbes aus der geistigen,
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ge-
samt-Lage der in Betracht kommenden
Nationen zu verstehen, soll auch in dieser
kleinen Betrachtung über die ungeheuer
grosse Sektion des gastlichen Königreiche
Italien nicht ausser Acht gelassen werden.
Indem wir aber die Ausführung dieses Planes
versuchen, können wir nicht umhin, einer
publizistischen Persönlichkeit zu gedenken,
die gleichsam wie ein Krystall alle Strahl-
ungen modernen italienischen Lebens in sich
sammelt und in wunderlich bunt und mannig-
faltig flimmernden Werken wieder aus sich her-
aus »zerstreut«: es ist Gabriele d'Annunzio.
Was man auch von ihm als Dichter denken
mag, ob man ihn als den Verfasser edel
gefügter Strophen gelten lässt, ob man von
der oft berauschenden Rhethorik seiner Prosa
gefangen genommen oder abgestossen wurde,
ob man seine etwas geschwätzigen Versuche,
die antike Tragödie, nachzuahmen belächelt
und die zügellose Mache seiner Romane be-
klagt: »Gabriele d'Annunzio ist, wie Georg
Brandes kürzlich in der »N. Fr. Presse« aus-

führte, im gegenwärtigen Augenblicke un-
streitig die repräsentative Persönlichkeit
Italiens«. Und weiter sagt Georg Brandes:
»Man kann darüber streiten, ob er die grösste
Begabung des Landes sei, doch nicht über
die Thatsache, dass die Umstände im Vereine
mit seinem Talent ihm eine Führerstellung
verliehen haben. Er ist der auf künstlerischem
Gebiete für Italien Denkende, wie es Tolstoi
auf dem sozialen und religiösen Gebiete für
Russland ist. In herausforderndster, mitunter
unleidlichster Weise von sich absorbirt, liegt
das tiefere Element in seinem Selbstgefühl,
dass er sich als eine Inkarnation auffasst.
Ihm unterliegt sein Recht keinem Zweifel,
weil er sich als der Wortführer und Dolmetsch
der lateinischen Rasse fühlt. Was Richard
Wagner für den deutschen Volksgeist war,
der Mann, der kraft der uralten Instinkte
der Rasse die Wiedergeburt des Volkes in
Grossthaten vorahnte und ihm eine neue
Kunst bescherte, das hofft d'Annunzio für
den italienischen Volksgeist zu werden, der
Erwecker, der Befeuerer, der Wiederbeleber,
der dem Volke das Bewusstsein des inneren
Reichtums und der künstlerischen Über-
legenheit der lateinischen Rasse wiedergibt,
zumal alles dessen, was ihr eigentümlich und
daher den »Barbaren« (Deutschen, Engländern,
Russen, Skandinaviern u. s. w.) fremd ist.
Er will ein Theater auf der Janiculumshöhe
in Rom gründen, wie Wagner sein Theater

1903. TIT. 1.
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