Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 11.1902

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Reformen im Husffellungs-Wefen und die Vertretung Deuffcher

KunH in Sf. fcouis 1904,

Gegenwärtig bereist der Reichskommissar
für die Welt-Ausstellung in St. Louis
die einzelnen deutschen Länder und
Zentren. Es mag daher am Platze sein, jetzt
einige in den Kreisen deutscher Künstler,
Kunstgewerbetreibender und Industrieller
vielfach erwogene Fragen zur Sprache zu
bringen, ehe es wieder einmal zu spät ist.
Und diese Gefahr liegt in der That vor, da
nach den Mitteilungen des Reichs - Kom-
missars die deutsche Abteilung in St. Louis
im wesentlichen der auf der Pariser Welt-
Ausstellung entsprechen soll. Auch das
»alt-deutsche Städte-Bild« soll nicht fehlen:
alles Anzeichen, aus denen mancher schwere
Bedenken für das künstlerische und wirtschaft-
liche Gelingen des Ganzen folgern dürfte.

Als ich- im Oktober igoo in einem
Schluss-Aufsatz über die »Pariser Ausstell-
ung« den Wunsch und die Hoffnung aus-
sprach, dass mit dieser Ausstellung über-
haupt der Schluss für Welt-Ausstellungen
gemacht würde, da glaubte ich, dass ausser
den ausstellungsmüden Künstlern und Indu-
striellen auch die verschiedenen Kultur-
Nationen dieses einsehen und beherzigen
würden. Ich bedaure daher im allgemeinen,
dass schon wieder eine internationale Aus-
stellung nach üblichem System auf dem
Plane erscheint, an der sich auf speziellen
Wunsch des Kaisers auch Deutschland in
hervorragender Weise beteiligen soll; aber
wir haben viel zu viel Ausstellungen! Zweck
für Künstler und Publikum haben m. E. nur
internationale Spezial - Ausstellungen; hier
können die Fortschritte wirklich verglichen
und abgewogen werden, nicht aber auf so-
genannten »Welt-Bazar-Ausstellungen« ohne

System, ohne Grund - Gedanken, was man
eigentlich mit der Vorführung bezwecken
will. Eine Ausstellung soll doch in erster
Linie Neues bieten, belehren und den Ge-
schmack bilden, nicht aber das Bild eines
Weltmarktes geben, wo jeder seine Ware
feilhält, die man bereits öfters gesehen hat
oder geschildert sah. Die schnelle Auf-
einanderfolge von Ausstellungen ist daher
äusserst schädlich, weil in der kurzen
Zwischenzeit weder die einzelnen Künstler
etwas wirklich Neues und Originelles zeigen,
noch in technischer Beziehung grössere
Errungenschaften erzielt werden können.
Auch der Nachwuchs an neuen Talenten
ist zu gering; bei der ganzen Hetzerei kann
überhaupt keine reife Arbeit mehr zustande
kommen. Hinzu kommt, dass der pekuniäre
Erfolg für den Einzelnen ausbleibt und man
allgemein ausstellungsmüde ist. Mit dem
bisherigen Ausstellungs-System müsste auf
alle Fälle gebrochen werden! Die Ausstell-
ung von Darmstadt war die erste, die nach
ganz neuen Prinzipien inszeniert wurde, und
zwar nach Reform -Vorschlägen, wie ich sie
seit der Chicagoer Ausstellung des Öfteren
in meinen Zeitschriften niedergelegt habe.
Sie war die erste Ausstellung, die der
ganzen Welt zeigte, wie man belehrend und
anregend zugleich ausstellen könne, sie
zeigte Zweck und Programm der Ausstell-
ung und war vorbildlich für Turin, wo man
dasselbe Programm — nur international —
wiedergab, ohne dabei indess irgend etwas
wirklich Neues gezeigt zu haben. Und wenn
erstere auch — durch Verschulden einer
unerfahrenen Leitung etc. —■ in finanzieller
Beziehung schlecht abschloss, so steht sie

1903. VI. 7.
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