Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 11.1902

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La z.

Die Franzöfifchen

Sewerbe-Künlfe auf der Curiner Ausheilung,

Die Sektion Frankreichs, als deren Leiter
Picard und Besnard zeichneten, bot,
wenn auch kein sehr umfangreiches,
so doch ein sehr distinguiertes und elegantes
Gesamt-Bild. Zwar waren viele der hier
ausgestellten Schöpfungen und darunter einige
der besten wie die von Charpentier, Ijilique,
Plumet, Sauvage und Sarazin und der beiden
grossen modernen kunstgewerblichen Institute,
schon von der letzten Pariser Welt-Aus-
stellung bekannt, allein sie gewährten unter
den veränderten Verhältnissen und in Ver-
bindung mit neuen Werken dennoch einen
reizvollen Eindruck. Denn es waren hier
weniger die grossen Konstruktionen und
Zimmer-Einrichtungen, welche fesselten, als
vielmehr das pikante Vielerlei hübscher,
eleganter Dinge, in denen Paris immer noch
nicht leicht übertroffen wird. Wo in aller
Welt fände man solche Schmuck-Gebilde wie
die, welche uns Rene Lalique gleich am
Eingange in einem Schreine vor Augen legt,
von dem wir vermuten möchten, dass ihn
Feen aus dem Lande Oberon's und Titania's
herniedergetragen hätten. Welch ein Poet
des Prunkes, welch ein Symphoniker in Gold,
Silber und Edelsteinen, welch ein Abenteurer
der Formen und der Farben, welch ein
Magier der grellen Blitze und der ahnungs-
vollen Dämmerungen! Der Geist des neuen

Paris vermählt sich hier mit dem Geiste des
alten Byzanz zu Gebilden von unerhörter
Fantastik. Hat uns Rodin ein neues Wesen
der Plastik, des plastischen Schauens und
Gestaltens erschlossen, so Lalique ein neues
Empfinden für den Schmuck des Leibes und
den Zauber der Pretiosen: beides Ruhmes-
Thaten des modernen französischen Geistes,
welche das französische Volk immer noch zu
einer königlichen Stellung im Kreise der
Kultur-Nationen berechtigen, auch wenn es
in der Architektur und im Künstler-Gewerbe
die vordersten Bahnbrecher nicht gestellt hat.

Und das ist sehr erklärlich. Frankreich
war niemals in Gefahr, seine lebendige kunst-
gewerbliche Fort-Entwickelung einzubüssen
und in einer unfruchtbaren Imitation alter
Stile unterzugehen. Die vornehmen Tradi-
tionen des »Louis XVI« und des »Empire«
hatten ja wohl viel von ihrer Lebendigkeit
verloren, aber niemand kann leugnen, dass
selbst noch das »second empire« seine eigene
dekorative Note hatte — ob sie Jedermann
gefällt, sei dahin gestellt — und dass somit
das, was in Deutschland, Österreich, Holland
ganz ex abrupto als revolutionäre Moderne
erschien, dort fast unvermerkt als eine neue
Mode auf eine absterbende Mode folgte und
zwar in vielen Übergangs - Stadien. Und
diese Entwickelung ist wohl noch lange

1903. IV. 1.
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