Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 41.1917-1918

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ENTWURF DAGOBERT PECHE. »PERLENKASSETTEN« WIENER WERKSTÄTTE.

VON GLASPERLEN UND PERLENARBEITEN.

Die frühesten, nachweisbar in Deutschland
gemachten Glasperlen stammen aus N ü rn -
b e r g; das dortige Kreisarchiv bewahrt noch eine
„Perlenmacherordnung" vom Jahre 1535. Aber
die Betriebe müssen nur einen geringen Umfang
gehabt haben; 1621 wird nur noch ein Perlen-
macher in der Stadt genannt; 1637 ist dieses
Gewerbe ganz ausgestorben. Dagegen unterhält
Nürnberg Niederlagen von venezianischenPerlen,
die gewiß auch in anderen Städten vorhanden
waren. Das ganze 17. Jahrhundert werden für
Stickereien noch ausschließlich venezianische
Perlen verwendet, wie z. B. bei dem überreichen
und besonders fein mit diskret getönten Atlas-
Stiftenschmelz und Lampenrosettenknöpfchen
bestickten Kleid der sächsischen Kurfürstin
Magdalene Sibylle (Gemahlin Johann Georg II.)
um 1660—1670 im Dresdner Johanneum.

Um dieselbe Zeit setzt die Perlenfabrikation
im Fichtelgebirge ein, auf beiden Seiten
des Ochsenkopfes, nördlich in Bischofsgrün,
wo auch die Hohlglasindustrie ihren Sitz hat,
südlich im Steinachtale, namentlich in Warm-
steinach. Noch heute besteht dort dasselbe
Gewerbe, ohne einen besonderen Aufschwung
genommen zu haben; in den letzten Jahren
hat man die Produktion von den schwarzen
Glasperlen für Posamentierarbeiten wieder auf
mehr als 40 Grundfarben in verschiedenen
Schattierungen und Größen ausgedehnt.

Auch die von Kunkel begründete Potsdamer
Glashütte auf der Pfaueninsel hat eine Zeitlang
bunte Glasperlen als Tauschartikel fabriziert;
aber diese Produktion hat weder qualitativ
noch quantitativ eine besondere Bedeutung. Die

älteren, geschliffenen Goldrubinperlen müssen
wir wohl vornehmlich hierher lokalisieren.

Verhältnismäßig spät tauchen die „Perlis-
macher" — zum Unterschiede vom Fichtel-
gebirge sind es hier hauptsächlich Hohlperlen-
bläser — in Thüringen auf, und zwar in Lauscha,
wo Habakuk Greiner mit seinem Sohne „Tamer-
lan" um 1730 die geblasene Perle aus der
Rheingegend einführt. Mit der Zeit erfolgte
auch hier die Verbesserung der Arbeitsweise.
Die für die Bläser nötigen Glasröhrlein werden
in Lauscha immer noch unter freiem Himmel ge-
zogen. In neuerer Zeit hat sich aus dieser In-
dustrie die Christbaumschmuckerzeugung ent-
wickelt. — In anderen deutschen Gegenden
spielt die Perlenerzeugung gar keine Rolle, ob-
wohl sie vereinzelt im kleinsten Umfange be-
trieben worden sein mag. —

Der unausgesetzte, große Export der Glas-
perlen in unkultivierte oder halbkultivierte Län-
der, gegenüber dem immer mehr zurückgegan-
genen heimischen Verbrauch, drückte der Glas-
perlenproduktion, namentlich in Böhmen, so
sehr den Stempel seines Gepräges auf, daß ein-
zelne, besonders feine Perlenarten, ausgestor-
ben sind. Die Wiederbelebung der Per-
lenarbeiten in unseren Tagen ist daher nicht
leicht, zumal man auch die dünnen Strick-
nadeln, die vor hundert Jahren zu solchen Ar-
beiten benutzt wurden, nicht mehr bekommt.
— Der gegenwärtige europäische Hauptkonsum
der Glasschmelzperlen liegt unglaublicherweise
auf dem Gebiete der Grabkränze, nicht so
sehr bei uns, wo nur die ärmsten Klassen sol-
chem, z. B. in Lothringen als Hausindustrie be-
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