Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 41.1917-1918

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DER SIEG DER QUALITÄT.

VON PROFESSOR DR. GUSTAV E. PAZAUREK.

Wenn wir — und das hoffen wir doch alle
zuversichtlich — in diesem furchtbaren
Ringen um die Behauptung unserer Geltung
und unseres Wertes gegen fast die ganze Welt
als Sieger hervorgegangen sein werden, dann
wird dies der glänzendste Sieg der Qualität
sein, den die Kulturgeschichte aller Zeiten und
Völker zu verzeichnen hat. Die außerordent-
liche Zahlenüberlegenheit an Menschenmaterial
und Hilfsmitteln aller Art wird zur Kapitulation
gezwungen sein vor der organisierten Über-
legenheit geistiger Potenzen, die die körper-
lichen Kräfte stets zur rechten Zeit am rechten
Orte entsprechend auszunützen und sie mit
allem auszustatten verstand, was uns unsere
höhere Intelligenz, unsere reinere Begeiste-
rungsfreudigkeit darbot.

Das dürfen wir nie vergessen. Nicht stolz
soll uns dies machen, denn das könnte unsere
bereits sprichwörtliche „Beliebtheit" bei den
anderen Völkern nicht erhöhen. Aber es darf
und muß unser Selbstvertrauen stärken.
Ohne unsere weltbürgerliche Großzügigkeit auf-
geben zu wollen, werden wir uns doch in Zu-
kunft manches fremdländische „Ideal", vordem
wir uns früher mitunter sogar erniederigt haben,
etwas näher besehen, ehe wir ihm auf Kosten
desjenigen nachjagen, was „nicht weit her ist".

Eigentlich konnte uns — wenigstens auf dem
Gebiete der Kunst und des Kunstgewerbes —
schon die Zeit unmittelbar vor dem Weltkrieg
die Augen öffnen. Einerseits die inhaltsreiche,
wenn auch etwas zu umfängliche und teilweise
nur improvisierte Werkbund-Ausstellung von
Cöln, sowie die gleichzeitige, auf einen engen,
aber tüchtigen und zielbewußten Kreis be-
schränkte Ausstellung von Darmstadt — und
anderseits, ebenfalls zeitlich zusammenfallend,
die großangelegte Buchgewerbeausstellung von
Leipzig, bei der sich die besten Leistungen
anderer Kulturvölker mit der überragenden
deutschen Graphik zu messen suchten und im
großen Ganzen kläglich abfielen. Selbst unsere
Gegner haben sich bereits bei diesen Anlässen
den Sieg deutscher Qualität offen oder wenig-
stens heimlich eingestehen müssen und sofort
Anstalten getroffen, die deutschen Anregungen
für sich fruchtbringend zu verwerten und neue
Einrichtungen nach deutschem Muster ins Leben
treten zu lassen.

So sehr wir nun alle Ursache haben, mit dem
bisher Erreichten nicht unzufrieden zu sein, so

verkehrt wäre es aber natürlich, nun etwa auf
unseren Lorbeeren ausruhen zu wollen und den
anderen Zeit zu lassen, unseren Vorsprung
wieder einzuholen. Im Gegenteil! Wir haben
in strenger Selbstkritik kennen gelernt, wo noch
überall der Hebel für Verbesserungen anzu-
setzen ist und haben — selbst unter den gegen-
wärtigen Verhältnissen — keine Zeit zu ver-
lieren, wenn wir die mühsam errungene Führer-
rolle in ästhetischen Dingen beibehalten und
verallgemeinern wollen.

Leider hat uns der langdauernde Krieg —
das läßt sich nicht leugnen — einigermaßen
zurückgeworfen. Viele der jüngeren, tüch-
tigsten Kräfte sind aus ihren Werkstätten in
die Schützengräben oder wenigstens in die
Etappe verschlagen worden, wo ihnen — bei
aller, nicht genug anzuerkennenden Rücksicht-
nahme der militärischen Kommandos — doch
verdammt wenig Zeit und namentlich Stimmung
für künstlerische Entwürfe übrig bleibt. Über-
dies hat sich die Nachfrage nach ihnen ganz be-
deutend verringert, denn zahllose Betriebe sind
vorübergehend geschlossen oder ganz einge-
gangen; sehr viele unentbehrliche Rohstoffe
sind längst aufgebraucht oder wenigstens für
Kunstschöpfungen nicht mehr zur Verfügung;
ganze große Stoffgruppen haben ihre Erzeugung
eingestellt oder auf ein Mindestmaß einschrän-
ken müssen. Und wenn auch nach Friedens-
schluß allmählich, nach und nach wieder alles ins
alte Geleise kommen wird, so mancher der Aller-
tüchtigsten wird aus seinem Heldengrabe nicht
mehr wiederkehren; vieleHoffnungsvolle, deren
Entwickelung der Krieg jäh unterbrach, wird
man auch zu den Verlorenen zu zählen haben. —

Aber die ungewöhnlich lange Kriegsdauer
ist auch — das mag uns für Vieles entschädigen
— ein nicht zu unterschätzender Bundesge-
nosse in unserem Kulturkampfe für die Hebung
der Qualitätsarbeit geworden. Und das
müssen wir uns in jeder Beziehung bei Zeiten
zu nutze machen.

Erkundigte man sich seither, warum nament-
lich in gewissen kunstindustriellen Artikeln gar
so viel Schund erzeugt und tatsächlich auch
restlos abgesetzt werde, so erhielt man stets
die gleichen Antworten und zwar von Seiten
der Hersteller: „Das Publikum will ja gar nichts
besseres", und von Seiten der Käufer: „Ich
finde in dieser Preislage nichts anderes". —
Das war der ewige Circulus vitiosus, die Katze,
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