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HANN. MÜNDEN

Der Kartenausschnitt zeigt die Lage des ein-
prägsamen, offenbar planmäßig angelegten
Mündener Stadtkerns, der auf einer nur leicht
ansteigenden, nischenartigen Talmulde im
äußersten Winkel des von Werra, Fulda und We-
ser gebildeten Mündungsdreiecks gegründet
wurde, überragt von den steil zum Talkessel
abfallenden bewaldeten Höhenzügen Rein-
hard-, Kaufunger- und Bramwald. Eindrucks-
voll hebt sich der Stadtdenkmalqualität besit-
zende historische Stadtkern mit seiner gleich-
mäßigen orthogonalen Straßenführung, seinen
zu Quadrat- und Rechteckblöcken zusammen-
schließenden Hofstätten mit ihrer kleinteiligen
mittelalterlichen Parzellenstruktur, von den an-
grenzenden Stadterweiterungsgebieten ab, die
nach Abbruch der Wall- und Mauerbefestigun-
gen und mit Eröffnung der Hannoverschen
Südbahn (Göttingen/Kassel) im Verlauf der 2.
Hälfte des 19. Jh. entstanden (s. Karte Hann.
Münden, Stadtkern). Gleichwohl veranschau-
licht der Plan die enge Verknüpfung von Stadt-
und Flußlandschaft, zu der die Streich- und
Nadelwehre, die erstmals 1327 quellenmäßig
belegte Werrabrücke, die in den Flußläufen ein-
gebetteten, dem Stadtkern vorgelagerten Wer-
der und insbesondere die Schlagden an Werra
und Fulda gehören, die noch heute ein bedeu-
tendes Dokument eines bis in spätmittelalterli-
che Zeit zurückreichenden Handels- und Anle-
geplatzes darstellen. In einer Zusammenschau
verbinden sie sich zu einem städtebaulich si-
gnifikanten, höchst eindrucksvollen Ensemble,
das denkmalpflegerisches Interesse bean-
sprucht. Jenseits des Stadtmauerrings ist der
Bestand an qualitätvoller historischer Bausub-
stanz weitaus geringer.
Kartiert sind in den Stadterweiterungsgebie-
ten: „Bahnhofsviertel”, Kattenbühl mit Galgen-
berg und Vogelsang, „Oldenmunden”, Neu-
münden, „Vorstadt” Blume mit Questenberg
und Blümer Berg und Hermannshagen nur ver-
streut liegende denkmalwerte Gruppen oder
Einzelbauten, an denen Geschichte und zeit-
typische Bauweise der Stadt anschaulich wer-
den.
Obgleich der Magistratsbeschluß 1836 eine
Bebauung außerhalb des Mauerrings ermög-
lichte, kam es zunächst nur zögernd zu einem
räumlichen Übergreifen der Bebauung. Erst mit
Eröffnung des letzten Abschnitts der Hanno-
verschen Südbahn 1856 wurde das „Bahnhofs-
viertel”, das bis zu den Ausläufern des Katten-
bühls reicht, zum bevorzugten Siedlungsge-
lände. Zudem kam es zum Ausbau eines Stra-
ßensystems, das sich weitgehend an schon
vorhandene Feldwege orientierte: Wilhelm-
straße, Friedrichstraße und Alte Bahnhofstraße
(heute: Vor der Bahn) sowie Beethovenstraße,
Neue Bahnhofstraße (heute: Bahnhofstraße)
und Bismarck- bzw. Böttcherstraße verbinden
sich zu einem nahezu gleichmäßigen Straßen-
raster. Neben der Ansiedlung verschiedener In-
dustrieunternehmen wurde das verkehrsgeo-
graphisch günstig gelegene Bahnhofsviertel
auch zum bevorzugten Standort öffentlicher
Einrichtungen: Empfangsgebäude der Hanno-
verschen Südbahn (um 1850), Gymnasium von

1897 (Böttcherstraße 5), ehemaliges Kreishaus,
heute Landratsamt von 1908/09 (Böttcher-
straße 3), kath. Pfarrkirche St. Elisabeth von
1887-89 (Böttcherstraße), Postamt von 1916
(Bahnhofstraße 27/Friedrichstraße), die in Ver-
bindung mit den freistehenden repräsentativen
Villen wesentlich zum Erscheinungsbild der
östlichen Stadterweiterung beitragen. Die als
Solitärbauten konzipierten stattlichen Villen
entstanden auf zumeist baumbestandenen
parkähnlichen Grundstücken. Herauszuheben
sind: Am Feuerteich 11 von 1883, 16 von 1912,
28 von 1863, Bahnhofstraße 32 von 1877, 46
von 1887, Beethovenstraße 7, 9 von 1904/05,
Friedrichstraße 2 von 1899, 4 von 1899, Kasse-
ler Straße 5 von 1865, Wall 7 von 1899, 9 von
1902, Wall 12 sog. „Glitzerburg” von 1867, Wil-
helmstraße 13 von 1886, 24 von 1893, 27 von
1865 und Woorthweg 7 von 1924.
Überragt wird das Bahnhofsviertel von dem
steil ansteigenden, keilartig nach Westen vor-
geschobenen Kattenbühl, der einen weiten
Überblick über den historischen Altstadtkern
Mündens bis ins Fulda- und Werratal ermög-
licht. Die Ende des 19. Jh. einsetzende Bebau-
ung besteht zumeist aus freistehenden, mehr-
geschossigen Massivbauten, deren Wirkung
durch die von Hecken und Staketzäunen um-
säumten Gärten gesteigert wird. Herauszuhe-
ben sind das sog. „Wohn- und Pensionshaus
für die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivfüh-
rer” Schöne Aussicht/Kattenstieg 1, die Villa
des Königl. Landrat von Stockhausen von 1902
am Kattenbühl 15, für deren Entwurf C. Arend
verantwortlich war, ferner Kattenbühl 14 von
1897 und 22 von 1906.
Am Westufer der Weser, unmittelbar am Zu-
sammenfluß von Werra und Fulda, entstand auf
einem breiten Lößsaum Altmünden, das ehe-
malige „Oldenmunden”. Vermutlich lag hier die
villa Gimundin, die 1019 erstmals urkundlich
genannt wird. Aus der Reihe der straßenbild-
prägenden Bauten verdienen die Villa des Fa-
brikanten G. Münder, Veckerhäger Straße 27,
Nr. 41 (um 1900), der Eckbau Nr. 49 von 1905
und der exponiert gelegene 2V2geschossige
Fachwerkbau für Th. Fischer Nr. 65 von 1902
hervorgehoben zu werden.
Besondere Bedeutung kommt indes der ehe-
maligen Laurentiuskapelle zu, die vermutlich
Anfang des 13. Jh. zwischen Veckerhäger
Straße und Weserufer entstand. Erhalten haben
sich lediglich Mauerwerksrudimente der Um-
fassungsmauern.
Einen markanten und historisch bedeutsamen
Punkt setzt dieTillyschanze - ein in Anlehnung
an mittelalterliche Wehrbauten gestalteter neu-
gotischer Aussichtsturm, der den historischen
Stadtkern weithin sichtbar überragt.
Als Furtsiedlung vermittelte die erstmals 970
urkundlich erwähnte Siedlung „Ratten”, das
heutige Neumünden, zusammen mit Bonaforth
den Ost-West-Verkehr. Die fortschreitende Ver-
landung des Flußarmes leitete vermutlich den
Niedergang der dörflichen Siedlung ein, deren
Neubesiedlung erst im ausgehenden 19. Jh.
wieder einsetzte. Nachdem das verkehrsgeo-
graphisch günstig gelegene Bahnhofsviertel
weitgehend bebaut war, griff die Bebauung

auch zunehmend auf die Gemarkungen Alt-
und Neumünden, auf die Hänge jenseits der
Bahnlinie am Kattenbühl und Galgenberg über.
Durch die Fulda vom Altstadtkern getrennt,
reicht Neumünden im Osten bis zum Hochufer
der Fulda und wird im Westen durch den steil
ansteigenden und dicht bewaldeten Mündener
Stadtforst umschlossen. Hier kommt der Wil-
helmshäuser Straße besondere Bedeutung zu,
die als Tallängsstraße das Rückgrat Neumün-
dens bildet. Nur eine kleine Anzahl von Einzel-
denkmalen gibt Auskunft über die jüngere Ent-
wicklung und den Ausbau Neumündens seit
dem ausgehenden 19. Jh. Zu nennen sind das
heute als Altenheim genutzte Offiziers-Casino
Wilhelmshäuser Straße/Tillyschanzenweg 4
von 1900/01, das ehemalige Garnisons-Laza-
rett Burckhardtstraße 60 und der Eckbau Tilly-
schanzenweg 1 von 1902. Straßen- und stadt-
bildprägende Akzente setzen die zwischen
1900 und 1907 erbauten stattlichen Kasernen-
bauten an der Wilhelmshäuser Straße am Süd-
rand Neumündens (außerhalb des Kartenaus-
schnittes) und der 1882 eröffnete Friedhof, der
kurz nach 1900 zu einem Waldfriedhof erweitert
wurde.
Neben den einstigen dörflichen Siedlungen
„Ratten”, „Gimundin” und Hermannshagen
muß auch der Siedlung Blume hinsichtlich der
Stadtwerdung Mündens besondere Bedeu-
tung beigemessen werden. In der einseitigen,
parallel zur Werra verlaufenden Zeilenbebau-
ung (Nr. 2-80), die ähnlich einer Stadtstraße
eine geschlossene traufständige Fachwerkbe-
bauung aufweist, zeichnet sich schon früh eine
Entwicklung zurVorstadt ab. Mit ihren eindeutig
zum Altstadtkern ausgerichteten Fassaden
kommt der malerischen Zeilenbebauung, die
als Gruppe baulicher Anlagen ausgewiesen ist,
eine besondere städtebauliche Bedeutung zu.
Sie unterstreicht die enge Verknüpfung von
Stadt- und Flußlandschaft und erweitert gleich-
sam den historischen Mündener Altstadtkern
über die Werra hinaus.

Kartengrundlage: Deutsche Grundkarte 1:5000,
4523/30, 4524/25, 4523/36, 4524/31, verkleinert auf
1:10000.
Vervielfältigungserlaubnis erteilt am 23. 12. 1991,
AZ. 300/1/4/92, durch den Herausgeber, Katasteramt
Göttingen.

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