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und fast zehn Meter tiefen Bau haben sich auf
der Giebelseite Reste eines Runbdbogenpor-
tals mit profiliertem Gewände erhalten, das in
den letzten Jahren rekonstruiert wurde. Einge-
bunden ist der Bau in die parallel zur Ziegel-
straße verlaufende ehemalige Hinter Straße,
die erstmals 1397 als „Hindere Strafe” in den
Stadtakten erwähnt wird und geprägt ist von
zumeist dreigeschossigen Traufenhäusern mit
Zwerchgiebelaufbauten.
Seit der Mitte des 16. Jh. werden bei zahlrei-
chen Bauten die Öffnungen zwischen Rähm
und Schwelle statt mit Füllhölzern und Bohlen
mit einzelnen Balkenstücken geschlossen, die,
wie die Schwelle, eine kräftige, gekehlte, aber
an beiden Enden zusammenlaufende Profilie-
rung aufweisen, die an Schiffskörper erinnert
und dazu geführt hat, diese für Münden bedeu-
tende Schmuckform als „Schiffchen”- oder
„Nachenmotiv” zu bezeichnen. Nicht nur auf
Münden beschränkt ist die Schiffskehlenver-
zierung in Göttingen bereits 1536 und in Halber-
stadt 1532 nachweisbar.
Eindrucksvoll zeigt der exponiert gelegene
viergeschossige Eckbau Lange Straße 29/

Marktstraße, der zweifellos zu den stattlichsten
Bauten der Stadt zählt, diese plastische
Schmuckform in der Gebälkzone. Laut Inschrift
auf der Stockschwelle ließ Ratsherr B. Matten-
burg den prächtigen Bau 1554 errichten. Der
fast 13 m breite und über 21 m tiefe Fachwerk-
bau ruht auf tonnengewölbtem Keller, der etwa
die Hälfte der Gesamtgrundfläche des Hauses
einnimmt.Über einem zusammengefaßten Erd-
und Mittelgeschoß erheben sich zwei stock-
werkweise abgezimmerte Oberstöcke, die
über mächtige Knaggen mit Knaggenbündel
vorkragen. Das Schiffchenmotiv, fast aus-
schließlich paarweise angeordnet, ist aus der
Stockschwelle bzw. aus den Füllhölzern her-
ausgearbeitet. Zu beachten ist ferner der heral-
dische Schmuck an den Knaggen, der zudem
noch durch schmale Querprofile betont ist. Ge-
drungene, meist paarweise angeordnete Brü-
stungskreuze und kräftig profilierte Brüstungs-
riegel akzentuieren die Horizontale des Bau-
körpers. Die annähernd wandhohen Verstre-
bungen an den Eck- und Bundständern verra-
ten deutlich hessisch-fränkische Einfluß-
nahme. Zwar wird die friesartige Anordnung
der Andreaskreuze beibehalten, gerät aber in

den Eckgefachen in Konflikt mit der hohen
Wandverstrebung. Nur noch in Bildquellen
überliefert ist das prächtige Portal von 1764,
dessen Türblätter mit überaus reicher Roccai-
ornamentik versehen war. Erhalten hat sich hin-
gegen eine barocke Kamineinfassung von
1762.
Im Gegensatz zum Eckbau Lange Straße 29
zeigt der dreigeschossige Fachwerkbau Lange
Straße 10 einen andersartigen konstruktiven
Aufbau, dergestalt, daß alle Stockwerke eigen-
ständig abgebunden sind. Der 1553 errichtete
stattliche Bau, der in seiner städtebaulichen
Situation eine Versetzung des Verlaufs der
Lange Straße zur Werrabrücke bewirkte, trägt
die Bezeichnung „Hilgenbergs Eck”, benannt
nach dem Kürschnermeister C. Hilgenberg, der
Ende des 19. Jh. hier sein Geschäft führte. Der
weithin sichtbare Bau liegt am oberen Ende der
sich platzartig erweiternden Lange Straße. Wie
der Eckbau Lange Straße 29 zeigt der im Erd-
geschoß stark veränderte Fachwerkbau neben
der wandhohen Eckverstrebung, der gedrun-
genen friesartigen Anordnung der Andreas-
kreuze, der Knaggenverriegelung mit Knag-

Am Plan 9, „Burckhardt-Haus”, 1565



Lange Straße 53, 1567

Lange Straße 10, 1553


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