Kämmerer, Christian [Editor]; Lufen, Peter Ferdinand [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 7,1): Landkreis Northeim: Südlicher Teil mit den Städten Hardegsen, Moringen, Northeim und Uslar, den Flecken Bodenfelde und Nörten-Hardenberg, der Gemeinde Katlenburg-Lindau und dem Gemeindefreien Gebiet Solling — Braunschweig, 2002

Page: 99
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Blick auf Hardegsen von Süden

Mainzer Erzbischöfe oder dem der Northeimer
Grafen stand, muss angesichts des Schwei-
gens der Urkunden offen bleiben. Um die Mitte
des 13.Jh. ist sie im Besitz der Ritter von Ros-
dorf, eines zu damaliger Zeit im südniedersäch-
sischen Raum einflussreichen, zu Dynasten
aufgestiegenen Adelsgeschlechts. Sie besitzen
die Burg mehr als ein Jahrhundert, auch
gehören ihnen im benachbarten Moringen
Lehensanteile an der dortigen Burg. Nach der
Mitte des 14.Jh. setzt jedoch der Niedergang
der Rosdorfer ein. Nachdem diese bereits 1363
dem Herzog Ernst von Göttingen die Öffnung
ihrer Schlösser in Hardegsen und Moringen als
Stützpunkte hatten zugestehen müssen, nimmt
Herzog Otto der Quade schließlich 1379 die
Burg durch Kauf in Besitz. Ob es sich bei dieser
Inbesitznahme letzten Endes um das Ergebnis
handfesten Drucks oder um eine Veräußerung
handelte, zu der die Herren von Rosdorf sich
aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten genö-
tigt sahen, ist nicht mit Sicherheit überliefert.
Seitdem blieb die Burg endgültig in welfischem
Besitz. Ab 1380 wurde sie zeitweise, ab 1387
bis zum Tode Ottos 1394 dauernde Residenz
des Herzogs.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich im Schutze
der Burg auf dem Hang unterhalb der Burg-
anlage infolge der günstigen Verkehrslage des
Ortes ein Marktflecken entwickelt, der durch
den Herzog 1383 Stadtrechte erhielt und zu
seinem Schutze von Befestigungsanlagen mit
Mauern, Türmen und Stadttoren umschlossen
wurde, eine Baumaßnahme, deren Vollendung
sich bis in das 15.Jh. hineinzog. Als herzogliche
Residenz und als Sitz wohlhabender Kaufleute

und Handwerker erfuhr die Stadt im 14. und
15.Jh. eine ansehnliche Entwicklung, die ihren
Höhepunkt etwa in der Zeit um 1500 erreichte.
Doch schon im 16.Jh. und parallel mit der
Aufgabe der Residenz im Verlaufe dieses
Jahrhunderts begann Hardegsens allmählicher
Niedergang. Während die Witwe Ottos des
Quaden, Margarete, noch bis 1442 auf der
Burg Hardegsen wohnte, verlegte ihr Sohn,
Herzog Otto der Einäugige, seine Residenz
nach Uslar. Das nachlassende Interesse der
welfischen Herren an der Burg findet darin,
dass diese in der Folgezeit häufig verpfändet
oder einzelnen Beamten zur Verwaltung auf
eigene Rechnung überlassen war, seinen
Ausdruck. Dennoch war sie auch noch unter
den nachfolgenden Landesherren wenigstens
zeitweise Residenz, bis 1560 als letzte fürst-
liche Bewohnerin Herzogin Sidonie, die
Gemahlin Herzog Erichs II. nach der Erichsburg
umzog.
Nach dieser Zeit verblieb der Burg nur noch ihre
Funktion als Sitz der Verwaltung des fürstlichen
Amtes Hardegsen, zu dem die Amtsdörfer
Asche, Ellierode, Ertinghausen, Hettensen,
Hevensen, Lichtenborn, Lutterhausen, Schlar-
pe und Wolbrechtshausen gehörten, ein Ver-
waltungsbereich, wie er einst aus dem Besitz
der Rosdorfer Herren hervorgegangen war und
- mit Unterbrechung durch die französische
Zeit zu Anfang des 19.Jh. - bis 1820 bestand.
Danach wurde das Amt Hardegsen mit dem
Amte Moringen vereinigt, das seinerseits 1859
im Amte Northeim aufging. Das heutige, im
Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform von
1974 entstandene Gebiet der Stadt Hardegsen

- ein Verwaltungsbereich von ca. 84 km2 -
deckt sich nur teilweise mit dem alten han-
noverschen Amt Hardegsen. So gehören die
ehemaligen Amtsdörfer Schlarpe und Wol-
brechtshausen jetzt zu Uslar bzw. Nörten-
Hardenberg, während die heutigen Hardegser
Ortsteile Espol, Üssinghausen, Trögen und
Gladebeck einstmals den Verwaltungsberei-
chen benachbarter Ämter angeschlossen
waren.
Nachdem um die Mitte des 16.Jh. Hardegsen
seinen Rang als herzogliche Residenz endgültig
eingebüßt hatte, aber auch als Folge zahlreich-
er Pestepidemien, Stadtbrände und der
Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges sank der
Ort zu der relativen Bedeutungslosigkeit eines
kleinen Landstädtchens mit kaum 600
Einwohnern (1686: 580 Einwohner) herab. Die
Schrecken des Dreißigjährigen Krieges mit
ihren zahlreichen Durchzügen, Plünderungen,
Brandschatzungen u.ä. trafen Hardegsen und
sein Umland, wie den gesamten südnieder-
sächsischen Raum schwer. Nach dem Krieg
soll die Hälfte aller Häuser in der Stadt leer ge-
standen haben. Nachhaltigere Folgen für das
Stadtbild, als sie diese Kriegsereignisse mit sich
brachten, hatte jedoch nur wenige Jahrzehnte
nach dem Krieg der verheerende Stadtbrand
von 1678, dem mit 105 Wohnhäusern fast die
gesamte Stadt zum Opfer fiel. Die unter diesen
Umständen verarmte Stadt, die durch die
Ereignisse des Siebenjährigen Krieges und der
napoleonischen Zeit auch später noch schwere
Lasten zu tragen hatte, blieb danach bis in das
19.Jh. im Wesentlichen ein bescheidener
Handwerkerort von rd. 1200 Einwohnern

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