Fliegende Blätter — 30.1859 (Nr. 705-730)

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Das

sichern, daß sie seit jenem verhängnisvollen Badaufcnthalte nie
ein Wort, einen Blick mit dem jungen Maler gewechselt, daß
sie ihn selbst während seines Hierseins nie anders als aus
weiter Ferne gesehen, ja daß er zu ihrem eigenen Erstaunen
nicht die mindeste Notiz von ihr genommen habe; der Justiz-
rath hatte diesmal für die Sprache der Wahrheit keinen Sin».
Er donnerte seiner Tochter zu, sie solle nicht glauben, ihn
länger hintergehen zu könne», kündigte ihr an, sie dürfe bei
seinem Zorn in den nächsten Tagen ihr Zimmer nicht ver-
lassen, und erklärte ihr zugleich, er werde dem Herrn auf der
Stelle eine Epistel schreiben, die ihm sicherlich den Kopf zu-
recht setzen werde.

Diese Epistel, die auch wirklich noch im Lause des Vor-
mittags in die goldene Ente abging, lautete:

Mein Herr!

Sie haben trotz meiner klar und bestimmt ausgespro-
chenen Willensmeinung dennoch die Kühnheit gehabt, das
Vcrhältniß mit meiner Tochter fortzusetzcn. Sie sind sogar
hierher gekommen, um mir unter meinen Augen zu trotzen.
Und nicht genug. Sie haben cs auch gewagt, sich in eine
ehrcnwerthc Gesellschaft cinzudrängcn und zum Danke für
die loyale Aufnahme, die Sic dort gefunden haben, einen
nicht uns, sondern Sie selbst herabwürdigenden Spott mit
ihren Sitten und Gewohnheiten zu treiben. Meine Toch-
ter wird bis zu Ihrer hoffentlich nächster Tage erfolgenden
Abreise in sicherem Gewahrsam bleiben. Ucbrigens mögen
Sie selbst urtheilen, ob Ihr Benehmen den Grundsätzen der
Schicklichkeit und Ehrenhaftigkeit gemäß gewesen ist.

Womit re. re.

Justizrath G.

So lange wie an diesem Tage war keinem der Herren
jemals die Zeit geworden, bis der sechste Glockenschlag sie zur
goldnen Ente rief. Auf die Minute hin sah man sie sich von
verschiedenen Seiten her dem Gasthofc nähern; noch nie wa-
ren Alle so wie heute fast unter der Hausthüre zusammen-
getroffen. Man grüßte sich mit bedeutungsvoller Miene, stieg
schweigend hinauf und setzte sich nieder, dieses Mal seit lan-
ger Zeit wieder ganz in der altgewohnten Weise. Der über-
zählige Gast fehlte. Man bemerkte cs lächelnd, ohne sich in-
deß darüber auszusprechen, bis der Wirth herantrat und mit
bewegter Stimme meldete, der Maler lasse sich den Herren
empfehlen, er sei für einige Tage auf's Land gegangen, werde
aber auch bei seiner Zurückkunft nicht mehr länger verweilen,
sondern habe seine Koffer schon gepackt, um dann für immer
von der Stadt Abschied zu nehmen.

„Das haben Sie mir zu verdanken," sagte der Justiz-
rath und zog das Concept des Briefes aus der Tasche, um
cs mit triumphircnder Miene der Gesellschaft vorzulcsen. Aber
merkwürdig! Die Wirkung war keineswegs so, wie er sie er-
wartet hatte. Während der Nacht hatte die Entrüstung der
Herren sich bedeutend abgekühlt, und der darauf folgende Tag
hatte vollends einer ruhigeren Betrachtung Raum gegeben.
Und fetzt hatte die schnelle Abreise des jungen Mannes, der,
wie es schien, so rasch und ungehört verurtheilt, keine Recht-

Opfer.

fertigung wagte, jedem einen Stich in's Herz gegeben. Kein
Laut des Beifalls, kein Bravo ließ sich daher während des
Vorlescns hören, es war eher eine Art Verlegenheit und Be-
klommenheit, wenn nicht gar Mißbilligung bei, den Zuhörern
zu bemerken, und als der Justizrath mit dein Lesen zu Ende
war, beobachteten Alle ein ernstes Stillschweigen und sahen
sich fast wehmüthig nach dem neunten Stuhle um. Ja der
Physikus bemerkte kurz, der junge Mann habe cs doch wohl*
nicht so böse gemeint und sei für das, was er gethan, viel-
leicht zu hart gestraft worden. Der Justizrath war sprachlos
vor Erstaunen, daß der Beifall ausblieb, auf den er sich den
ganzen Tag her gefreut hatte, hielt es aber doch unter seiner
Würde, darüber etwas verlauten zu lassen.

Man ging zu den gewohnten Nnterhaltungsstoffen über.
Anfangs sprach man viel und lebhaft, als wolle man zeigen,
daß man den Abwesenden nicht vermisse, aber es war in die-
ser Lebhaftigkeit etwas Gemachtes, Gezwungenes, das nicht
befriedigte. Auch bekam man cs bald satt, sich so Gewalt
anzuthun, die Unterhaltung stockte, es traten längere peinliche
Pausen ein, der alte gcmüthliche Ton verklang, kaum ange-
schlagen, immer wieder, und mißmuthig trennte man sich vor
der gewohnten Zeit. Ebenso ging es am nächste^, an den ,
folgenden Tagen. Jeder fühlte, daß mit dem jungen Manne
ein anregendes, erfrischendes Element in die Gesellschaft ge-
kommen war, das man jetzt mit Schmerzen entbehrte. Man
fand es zwar barock, aber nicht bös gemeint, daß er die Ge-
sellschaft auf allen Stühlen umhcrgejagt hatte, und wünschte
lieber den munteren Gesellen neben sich, als den gewohnten
Stuhl unter sich zu haben. Namentlich fand man cs keines-
wegs gerechtfertigt, ihm daraus ein so großes Verbrechen zu
machen, daß er sich auf seinem Zimmer am Bilde der Gelieb-
ten erfreut hatte. Ja man konnte nicht umhin, seinen Zart-
sinn zu bewundern, daß er, was klar am Tage lag, trotz der
Nähe der Geliebten sich immer in so respektvoller Ferne ge-
halten hatte. Mehr als einmal, wenn sich die Thüre öffnete,
schauten alle unwillkührlich voll Schrecken hin und meinten,
der harmlose, von ihnen so tief gekränkte junge Mann müsse
eintretcn und sie fragen, was er ihnen denn eigentlich gethan
habe, daß sie ihn so auf einmal wie einen Verworfenen aus
ihrem Kreise ausgestoßen hätten; und wenn dann ein anderes
fremdes Gesicht sich zeigte, so fiel cs ihnen wie ein Stein
vom Herzen.

Als wieder ein Abend verflossen war, ohne daß man
aus der unerquicklichen Stimmung hcrausgckommen wäre, un-
ter der man seither gelitten — die wenigen anderen Gäste
hatten sich entfernt — da nahm der Physikus das Wort.
Der wackere Mann betrachtete cs als seine Ausgabe, nicht
bloß leibliche Schäden zu heilen, sondern überall, wo Heilung
Noth that, einzuschreiten und unumwunden das Mittel zur
Heilung beim Namen zu nennen.

„Liebe Freunde," Hub er an, „so lange schon hat unser
Verein in ungetrübter Gemüthlichkeit bestanden, unsere Häup-
ter sind grau geworden, die Zeiten sammt Sitten und An-
schauungen haben sich geändert, wir sind uns treu geblieben.
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