Fliegende Blätter — 31.1859 (Nr. 731-756)

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Poesie und Prosa.

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lustigen Sitz im hintersten Thcile der gewaltigen Carosse ganz-
glicdrig und mit Anstand zu verlassen, stellte der Inspektor,
j sich ties verbeugend, sich selbst unter dem Namen Zinknagel
und dann seine Gattin vor, worauf er eigenhändig den Wagen-
schlag öffnete, den die Reisenden verließe», um das ausgestellte
bunte Corps das ein weikhinschallcndeS dreimaliges Hoch aus-
brachte, die Musterung passiren zu lassen.

Die neue Schloßhcrrin dankte huldvollst in einigen Wor-
ten für den festlichen Empfang, zog dann ihre Begleiterin
einige Schritte seitwärts und sprach, deren Hand erfassend,
mit sichtlicher Erregtheit: „Betrachten Sie einmal diese präch-
tigen Gcbirgsmcnschen! welche malerische Tracht! wie herrlich
stehen die riesigen, plumpen Blumensträuße gerade diesen
Leuten! Das ist noch das nrkrästigc Volk, wie ich es mir ge-
dacht habe, mit seiner rührenden Einfalt, seiner sprichwörtlichen
Treue, seiner spartanischen Genügsamkeit und seiner natur-
wüchsigen Heiterkeit. Wie freue ich mich diesen Menschenschlag
näher kennen zu lernen, der mir für einige Zeit die Hohl-
heiten der sogenannten großen Welt vergessen machen soll!"

( Noch einmal grüßte sie holdselig die Menge und schritt
bann, von den Jnspektorsleuten geführt, mit ihrer Umgebung
dem Schlosse zu. Der bunte Mcnschenknäuel aber entwirrte
sich und zerstäubte »ach allen Richtungen. Die Einzugsfeier
war sonach vorüber.

„Nun muß ich Ihnen aber auch sagen, in welchen Be-
ziehungen ich zu der jungen Dame hier stehe," sprach eine
halbe Stunde später Emmcline von Birkendust, nachdem man
sich zur Tafel gesetzt, an welcher Theil zu nehmen das Zink-
nagcl'schc Ehepaar die Ehre hatte. „Auf meiner Reise hierher
erkrankte, als ich just in der Residenz angekommen war, meine
Gesellschafterin, so daß ich mich genöthigt sah, sie Verwandten,
welche daselbst leben, zur Pflege zu übergeben. Obschon das
Unwohlsein durchaus kein gefährliches ist, wurde ich doch ge-
nöthigt nach einer andern passenden Begleiterin mich umzu-
i thun, da ich ohne eine solche die Weiterreise nicht fortsetzen
wollte. Die Gefälligkeit der Besitzerin des Hotels, wo ich ab-
gestiegen und mein gutes Glück ließen mich denn auch in der
kürzesten Zeit in Fräulein Clothilde von Lilienthal hier den
angenehmsten Ersatz für die Zurückgebliebene finden und ich
wäre versucht dem Geschick, das die liebe Stellvcrtretcrin mir
gesendet, noch besonders dankbar zu sein, müßte ich mich nicht
; dabei etwas weniges der Gottlosigkeit anklagcn."

Sie reichte lächelnd Clotbilden die Hand über die Tafel,
diese aber sprach: „Sie sind zu gütig und nachsichtsvoll und
treiben mir die Röthe der Scham auf die Wangen. Habe ich
doch selbst zumeist Ursache, die Launen des Glückes zu preisen,
das mich in Ihre Bahnen warf. Die wenigen Wochen, die
j Sie hier zu verweilen gedenken, werden nur zu rasch vergehen,
und in die Hauptstadt zurückgekehrt, wird alles Erlebte mir
nur wie ein schöner Traum erscheinen."

Während dieses Gespräches hatte der Inspektor, dessen Be-
fangenheit allmählig ein wenig wich, erst Muße, die beiden Damen
i einer Ocularinspektion zu unterwerfen, und er gelangte zu
> dem Schlüsse, die Schloßgcbictcrin könne wohl einst hübsch

I gewesen sein, che die entsetzliche Magerkeit, welche ihre Körper-
formen zeigten, Platz gegriffen und das reifere Alter dem
welkenden Antlitz seine zerstörenden Abzeichen cinzugrabcn be-
gonnen. Doch die blendend weißen Zahnreihen, die das gnä- .
dige Fräulein wohl öfter als nöthig war, zeigte, und das
volle, dunkle Haar, das an den Seiten in kunstreichen Locken
hcrabfiel, söhnten mit den genannten Mängeln wieder etwas
aus, und ihr dunkler Teint hatte gewiß für soche, welche die
Schönheiten des Südens den Reizen des Nordens vorzichcn,
viel Anziehendes. Ihre Begleiterin war jünger, frischer und
hübscher; doch hatte sie etwas so Kaltes und Gemessenes, als
ob sic eben ein englisches Pensionat verlassen, so daß sie zu
Emmeliuens fast übergroßer Lebhaftigkeit einen schroffen Ge-
gensatz bildete. - Der ehrliche Inspektor glaubte sich nicht zu
täuschen, wenn er annahm, daß die junge Dame eine ganz
gehörige Dosis Stolz besaß, womit die vornehme Nachlässig-
keit, mit welcher sie auf das schlichte bürgerliche Ehepaar hcrab-
schattte, und die Art und Weise, in welcher sie mit dem auf-
wartcnden Dienstpersonal verkehrte, ganz im Einklang standen.

„Nun müssen Sie aber auch wissen, mein lieber Inspektor,"
nahm nach einigem unbedeutenden Hin- und Herredcn Emme-
lincz von Neuem das Wort, „daß ich hinsichtlich meiner Er-
wartungen in Bezug auf die Erlebnisse der Zukunft ein Un°
glückekind bin, denn fast alle Ideale, die ich mir gebildet,
schlage» in's Gegentheil um, daS Erhabene wird lächerlich,
das Schöne häßlich, die Poesie zur Prosa. Jetzt aber, dies
flüstert mir eine innere Stimme zu, bin ich an einen Wende-
punkt angelangt, meine Erwartungen werden wenigstens hier
in Erfüllung gehen. Der Anfang ist gemacht, ich habe in
Fräulein' von Lilienthal einen Umgang gefunden, wie ich dessen
bedarf. Sie ist still und bedächtig, weil ruhigeren Blutes, und
wird, da nöthig, ernüchternd auf mich wirken. Und so hoffe
ich denn, ich werde noch lange, wenn sie auch längst entschwun-
den sind, mit innerer Befriedigung an die Tage von Eulen-
horst zurückdenkcn."

Das Zinknagel'sche Ehepaar erwartete dies mit der größ- ,
ten Bestimmtheit, man stieß darauf an, und die heitere Stim-
mung hielt bis an's Ende der munter belebten Tafel aus.

Der früheste Morgen des nächsten Tages fand die beiden
Damen auf einem Hügel unweit des Schlosses in Erwartung
des Sonnenaufgangs. Ihre äußere Erscheinung bot einen be-
jmnmernswerthcn Anblick dar, denn der dicht gefallene Thau
hatte die untere Halbschied ihrer Gewänder und namentlich '
die Fußbekleidung in einen erbarmungswürdigen Zustand vcr- !
setzt, und die Haarpartien, welche vor Kurzem noch als Locken \
das Eulenhorstcr Schloß verlassen, waren von der nassen Ath-
mosphäre, wohl auch von diversen Berührungen mit dem die
Pfade überwuchernden Gcsti'liuch, zu unförmlichen Büscheln zu-
sammengeschrumpft, mit denen der Morgenwind sein unerquick- j
liches Spiel trieb. Die Gesichter der beiden schon so früh |
Wandelnden sahen blaß und nüchtern aus und Emmclinenö i
Glieder schien sogar ein leises Frösteln zu durchbcbcn. Das j
hinderte diese aber nicht, dem ersten Achtel des eben in Osten !
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