Fliegende Blätter — 31.1859 (Nr. 731-756)

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Nach altem Brauch.

man sic nie weder von Menschen noch von Thicrcn vernom-
men hatte, heisergurgelnd, unnatürlich, sich hören ließen, so
war kein anderer Unterschied mehr zwischen Gebildeten und
Ungebildeten als der, daß erstere mit ihrem leichten Schuh-
werk und ihren behenden Beinen um so viel schneller dahin-
flohen als der Bauersmann mit seiner plumpen zentnerschweren
Fußbekleidung, wofern nicht dieser, wie die französischen Ca-
vallcristcn glorreichen Andenkens bei Roßbach, sein Schuhwcrk,
um schneller lausen zu können, gar abzog, das er aber dann
säuberlicher und ökonomischer als jene Helden, die den Weg
damit bestreuten, aus der Flucht fest in der Hand behielt.

An diesen Sprüngen der muthigcn Nachtwandler, die für-
den unbefangenen Beobachter ein sehr ergötzliches Schauspiel
gewesen wäre», konnte freilich Niemand sich crlustigcn als das
Gespenst selbst, welches nicht mehr und nicht weniger war als
ein unglückliches oder vielmehr glückliches Opfer der Wissen-
schaft, ein spürendes und stöberndes Individuum, ein Wesen,
das sich's als Beruf erwählt hatte, überall an der Erdrinde
zu schaben und zu hämmern, mit einem Wort, ein Professor
der Mineralogie an der nahen Landesunivcrsität. Wenn der
gute Mann, „der Stcinprofcssor," feinen „Mincralrock" an-
gezogeu hatte, es war dicß ein Kleidungsstück von höchst ver-
dächtiger, polizeiwidriger Struktur, voller unergründlicher Säcke
und Taschen, die das halbe Mineralreich aufnehmen zu können
schienen, so eristirte für ihn aus der ganzen weiten Erde rein
nichts mehr, als was sich klopfen und hämmern ließ. Es gab
dann keine Entfernung für ihn, keine Tageszeit, keinen Hun-
ger und keinen Durst. Im Fluge durchstürmte er die Strecken,
wo die ganze Erdrinde mit Humus bedeckt war und so ver-
ächtliche Dinge, wie Korn, Gemüse, Bäume hervorbrachte, um
an solche Oertcr zu gelangen, wo sic ihre wahren Schätze
zur Schau legte, wo Mineralien und Petrcfaktcn dem kundi-
! gen Forscher entgegenlachten, und ein unermeßliches Feld des
i Suchcns und Entdeckens sich ihm cröffncte.

Da war eben die steinichtc, zerklüftete Hochfläche bei dem
j Dörfchen N. sein Licblingsort. So oft er einige freie Tage
hatte, warf er den Mineralrock über und eilte dorthin. Je
näher er ihr kam, desto schneller wurde sein Lauf, er konnte
nicht mehr auf der bequemen Straße bleiben, sondern mußte,
wie von einem Magnet angezogen, den geradesten Weg zu
. seinem Ziele einschlagen. Mehr als einmal hatten die Land-
i leute, die, auf dem Felde beschäftigt, ihn so durch Dick und
Dünn, über sumpfige Wiesen und rauhes Ackerland rennen
j sahen, ihm nachgerufen: „Haltet den Dieb!" Mehr als ein-
mal hatte die wachsame Gendarmerie den verdächtigen Renner
angchalten und ihm seine Legitimation abverlangt, ihn sogar
einmal, da er seine Papiere zu Hause gelassen, nach dem näch-
sten Dorfe eskortirt, wo ihn der Geistliche, ein Universitäts-
sreund, lachend aus ihren Klauen befreite. Dabei hätte es ihm
indeß schlimm ergehen können. Denn während er vor dem Gen-
darmen hermarschirte, hatte er eben 'Muße genug, das Ge-
stein an der Landstraße zu mustern, und als er da ein wunder-
schönes Eremplar von einem Ammoniten erschaute, vergaß er
ganz, daß er nicht mehr sein eigener Herr war, und stürzte

auf das Ding los, so daß der Gendarm nähe daran war,
von seiner Waffe Gebrauch zu machen, als er zu seinem Er-
staunen den vermeintlichen Deserteur wieder ganz ruhig mit
seiner Beute zu sich zurückkehren sah. Wenn nun unser Ge-
lehrter dort an dem großen Steinfelde ankam, so brach er mit
einer wahren Wuth in dasselbe ein. In den sonderbarsten
Sprüngen rannte er darauf hin und her, hockte plötzlich nie-
der, sprang dann wieder auf, ergriff einen Stein, um ihn im
nächsten Augenblicke wieder wegzuschleudern, hämmerte und
klopfte, daß die Stücke davon flogen, sprach mit sich selber,
gcstikulirte, und wenn er einen besonders glücklichen Fund ge-
macht hatte, so jauchzte er laut aus, so gut cs eben ein Gelehrter
mit seiner trockenen Kehle zu thun vermag. Bald füllten sich
die Taschen des Mincralrocks mit den gewichtigen Früchten
seiner Forschung, und bei einer schnellen Wendung seines
Körpers konnte es geschehen, daß die schwerbeladencn Rockschöße
mit solcher Gewalt nach.einer der vier Weltgcgenden hinaus-
flogeu, daß der Mann beinahe umgeriffen wurde, pbcr sie
schlugen ihn mit aller Gewalt an die Beine, so daß diese
wochenlang die blauen Male davon aufzuweisen hatten.

Der geneigte Leser weiß jetzt woher die sonderbaren Töne
kamen, die den nächtlichen Wanderer so mit Grauen erfüllten.
Es war ganz natürlich, daß die Laute, die der Gelehrte aus-
ftieß, etwas Fremdartiges, Schreckliches hatten. Denn wie die
verschiedenen einheimischen Thierarten schreien, das weiß jeder-
mann, ebenso wie der gewöhnliche Mensch schreit in den ver-
schiedenen Situationen, in denen ihm das Schreien nahe ge-
legt wird. Aber wie ein Gelehrter, wie ein Mineralog aus-
schreit, wenn er eine neue Specics gefunden hat, das wissen
die wenigsten Menschen aus Erfahrung.

Das aber ist dem Leser noch nicht bekannt, was es
mit dem Licht für eine Bewandtniß hatte. Der Gelehrte merkte
allerdings die Folge der Tageszeiten nicht an den gleichen Anzeichen,
wie andere Menschen. Er merkte den Mittag nicht an dem Knurren
des Magens, den Abend nicht an jenem ächt menschlichen Drang,
einen Ort aufzusuchen, wo man einen Guten trinkt, nicht
an der Trockenheit seiner Kehle. Aber wenn er auch die erstere
Zeit ganz übersah, die letztere machte sich ihm doch wider Wil-
len bemcrklich, er sah nichts mehr. Für diesen Uebelstand hatte
indeß sein erfinderischer Geist bald eine Abhilfe gefunden.
Wenn das Dunkel hcreinbrach, das seine Arbeit zu stören
drohte, so griff er flugs in seine rechte Seitentasche und zog
ein kleines Laternchen heraus, das er durch einen einfachen
Mechanismus vorn ain Leibe befestigte, indem er einen daran
angebrachten Haken durch das unterste Knopfloch der Weste
steckte, und konnte nun ungehindert seine Arbeit zu Ende
führen.

Zu Ende? Ja, zu Ende. Denn auch für ihn gab eö
ein Ende, das ihm glücklicher Weise von außen zukam, da in
ihm selbst dieser Begriff in Sachen der Forschung keinen Platz
hatte. Es war der Mineralrock, der kategorisch sagte: bis hie-
hcr und nicht weiter! Wenn alle Taschen zum Zerplatzen voll
waren, wenn die Nähte krachten und rissen, wenn der Rock-
kragen durch die Schwere der belasteten Schöße bis über die
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