Fliegende Blätter — 72.1880 (Nr. 1797-1822)

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Der selts

knechte noch einige kleine Besorgungen zu übertragen und begab
mich daher in den Hofraum, um denselben aufzusuchen.

Ich -hatte kaum die nach dem Hofe führende Thürschwelle
überschritten, als meine Aufmerksamkeit durch einen Mann ge-
fesselt ward, der, mit der rechten Hand ein Pferd führend, so-
eben durch den breiten Thorweg hereintrat. Sein ganzes Aeußere
deutete auf einen Rittergutsbesitzer oder wohlhabenden Oekonomen
aus der Umgegend hin, deren es, wie ich aus meinen Aus-
flügen wahrgenommen hatte, in der Nähe von F. sehr viele gab.

„Bringe mein Pferd gut unter und gib ihm reichlich
Futter," sagte der Fremde zu dem herbeigeeilten Hausknecht,
„wir haben einen scharfen Ritt hinter uns." — „Ich bedauere,
mein Herr!" erwiderte Johann, die Mütze ziehend, „es ist
weder für Mensch noch Thier Platz mehr da — vielleicht finden
Sie noch drüben im „kalten Frosch" ein Unterkommen." —
„Der Hausknecht erhält ein Trinkgeld — selbstverständlich!"
replicirte der Oekonom, ohne im geringsten auf den kalten
Frosch zu reflectiren. „Aber keinen zugigen Stall, das Pferd
hat geschwitzt." — „Sie haben mich mißverstanden, es ist beim
besten Willen unmöglich, noch einen Platz für einen Windhund,
geschweige für ein Pferd im Stalle aufzutreibcn," sagte der
Hausknecht, diesmal mit einem gewissen Nachdruck. — „Das
Thier ist nicht werthlos, wie Du siehst, aber Du bist ein ehr-
licher Bursche und ich bin daher außer Sorge."

Damit wandte sich der Fremde dem Gastzimmer zu.

„Ich glaube, der Kerl ist nicht recht munter!" brummte
Johann, mit dem Zeigefinger auf seine Stirne deutend und
rathlos nach dem Pferde blickend, dessen Zügel er in der Hand
hielt. — „Mir scheint es, der Mann ist taub," erwiderte ich,
„ich würde Dir aber doch rathen, für den Braunen zu sorgen,
der Besitzer könnte Dich verantwortlich machen." — „Ich kann
das Thier doch wahrhaftig nicht zu mir in's Bett nehmen!"
meinte ärgerlich der Hausknecht. — „Das leuchtet mir ein,"
mußte ich beipflichtcn, „aber vielleicht findet sich für das Roß
im kalten Frosch noch ein Platz."

Fluchend folgte Johann meinem Rnthe, während ich eben-
falls dem Gastzimmer zuschritt, um den originellen Fremden
weiter zu beobachten. Ich fand die Wirthin im eifrigen Ge-
spräch mit ihm, aber auch sie bemühte sich vergebens, ihm be-
greiflich zu machen, daß durchaus kein Bett mehr zu haben
fei. „Sie sind sehr liebenswürdig!" erwiderte der Gast mit
einem verbindlichen Lächeln, „aber so viel Umstände brauchen
Sie gar nicht zu machen. Ein einfaches Zimmer mit Bett
genügt mir vollständig. Es ist mir auch ganz glcichgiltig, ob
die Stube nach der Straße zu gelegen ist, das Wagengerassel
stört mich nicht im Mindesten, denn ich bin vollständig taub."

Er ließ sich an einem der Tische nieder, bestellte eine
Flasche Wein und strich mit der Hand über seinen kahlen
Scheitel, der wie ein Billardball glänzte. Nach eingehender
Erwägung der Unmöglichkeit, den Fremden los zu werden, be-
schlossen Wirth und Wirthin in einer zu diesem Zwecke nbge-
haltenen Confcrenz, den Tauben gewähren zu lassen und ihm
in Ermanglung eines Bettes eine gepolsterte Bank in der
Gaststube als Nachtlager einzuräumen.

ame Gast.

Ich war zu meinen Bekannten im Saale zurückgekehrt und
erzählte ihnen von dem sonderbaren Gaste, während an unserem
Separattische das Abendessen servirt wurde, welches heute, als
am letzten Abende meiner Anwesenheit, besonders opulent ans-
fallcn sollte. Eben meldete der Kellner, daß angerichtet sei
und wir wendeten uns daher dem Tische zu, als wir zu unserem
großen Erstaunen den Fremden bemerkten, welcher ganz ungenirt
einen unserer Stammplätze occupirt hatte. Wir gaben ihm
durch Worte und Zeichen zu verstehen, daß die Fremdentasel
im Speisesaale stattfinde; der Gerichtsrath T. aus L. zerrte ihn
energisch am Rockärmel und deutete auf dje Thüre, die nach
dem Eßzimmer führte — umsonst, der Gast lächelte, verbeugte
sich und erklärte in der höflichsten Form, daß er sich unter
keiner Bedingung obenan auf den Polstersessel, welcher den heute
für mich bestimmten Ehrenplatz bildete, setzen werde. Da über-
mannte mich eine gelinde Verzweiflung; schnell faßte ich die
neueste Nummer der Kölnischen Zeitung, die auf den: Tische lag,
rollte sie zusammen, setzte das eine Ende dein Aufdringling an's
Ohr und donnerte mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft
in die andere Oeffniing des improvisirten Sprachrohres hinein:
„Hier ist geschlossene Gesellschaft, mein Herr, die sich zu einer
intimen Abschiedsfeier vereinigt und unter sich bleiben will!"

Der Fremde schaute niich einen Augenblick vcrständniß-
innig an, dann erhob er sich und sagte mit freundlichem Lächeln:
„Nun, meine Herren, da Sic es einmal nicht anders wollen,
so will ich die mir zugcdachtc Auszeichnung nicht länger zurück-
weisen." Und ehe wir es verhindern konnten, saß er im Polstcr-
stuhle an dem mir zugedachten Ehrenplatz, Sein Appetit war
bewundernswerth, und mit größter Ungenirtheit schenkte er sich
von dem aus unsere gemeinschaftlichen Kosten bestellten Wein
ein und stieß mit an, ohne von den zahlreichen Toasten natür-
lich auch nur ein Wort verstanden zu haben.

Endlich schien er befriedigt zu sein; er winkte dem Kellner
und legte ihm als Bezahlung ein Markstück hin. Der dienst-
bare Geist suchte ihm begreiflich zu machen, daß seine Zeche
über das Sechsfache betrage und schob ihm das Geldstück zurück.
Da aber flammte eine edle Entrüstung über das Antlitz des
Gastes; mit einem energischen Kopfschütteln drückte er dem
Kellner die Münze in die Hand und sagte, halb zu diesem,
halb zu uns gewendet: „Ich dulde auf keinen Fall, daß die
Herren für mich bezahlen; nehmen Sie nur das Geld; das
Souper war gut, und es kommt mir daher auch aus einige
Groschen mehr nicht an. Das Uebrige behalten Sie als Trink-
geld!" Er stand auf,'verbeugte sich in verbindlicher Weise nach
allen Seiten und ging, während wir verblüfft einander an-
schauten und unsere.Wahrnehmungen endlich in dem lange
unterdrückten, schallenden Gelächter explodirten.

Da stürzte der Kellner auf mich zu und theilte mir mit,
der Fremde sei in mein Zimmer gedrungen und werde allem
Anschein nach dieses nebst Bett in seiner unverfrorenen Weise
in Beschlag nehmen. Das war mir denn doch zu arg; ich
bat einige meiner Freunde, mich zu begleiten und verfügte mich
in das obere Stockwerk, wo meine seit vierzehn Tagen inne-
gchäbtc Stube lag. Die Thüre >var verschlossen und verriegelt.
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