Fliegende Blätter — 72.1880 (Nr. 1797-1822)

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Preis deS Bandes (26 Nummern) Ji 6.70. Bei direktem
Bezüge per K r e u z b a n d: für Deutschland und Oesterreich
Ji 7.50, für die anderen Länder des Weltpostvereins Ji8—.
Einzelne Nummer 30

ran. vd.

Löwenthal, der Standartenträger.

Bei den letzten Herbstmanövern wurde auch die kleine
Stadt di. mit Einquartierung bedacht. Die Stabsschwadron
^ues Uhlancnregimentes war für di. bestimmt.

Nun aber war es in di. wie allerwärts. Bei der Nach-
sicht von der bevorstehenden Einquartirung bildeten sich sofort

Parteien. Die eine hätte die zu erwartenden Soldaten
lieber in die Hölle gewünscht, die andere Partei dagegen jubelte
*3cn Ankömmlingen freudig entgegen. Zu der letzteren Partei
gehörten alle Kinder und fast ohne Ausnahme die jüngere,
weibliche Bevölkerung, welche nun einmal für Alles, was Uniform
trägt, eine ganz besondere Schwäche hat, während die jüngeren,
männlichen Einwohner meist die Einquartirung mit scheelen
Augen ansahen. Die Grundbesitzer und Bürger aber waren
mürrisch wegen der unvermeidlichen Geldopfcr, während die
jüngeren Männer mit vollem Rechte Störungen ihrer Herzens-
angelegenheiten durch die flotten, schmucken Reiter voraussähen.

Eine ganz besondere Ausnahme unter den älteren Bürgem
üon di. machte Herr Anschel Löwenthal, der Schnittwaarcn-
händler. Dieser war eigentlich, entgegen dem Charakter seiner
Glaubensgenossen, ein aufrichtiger Bewunderer von Allem, was
Mn Soldntcnwesen gehörte. Während andere Bürger von di.
Üch so viel als möglich gegen die Einqunrtirungslast stemmten
Und ihr zu entgehen suchten, war Löwenthal schon lange vor-
aus das Rathhans in das Quartieramt geeilt und hatte
Üch erboten, einen hohen Offizier, womöglich einen General,
m sein stattlich eingerichtetes Haus aufzunehmen.

Man versprach Löwenthal die Erfüllung seines Wunsches,
und als einige Tage später die Stabsschwadron Uhlanen in di.
mnrückte, wurde ihm auch wirklich der Regimentscommandcur
^ugetheilt.

Im schwarzen Frack, die großen Hände in gelben Glaco-
hnndschuhen, stand Löwenthnl mit seiner ebenfalls festtäglich

aufgeputzten Gattin, Frau Sarah Löwenthnl, vor der Thüre
seines Hauses, um den Herrn Oberst zu empfangen. Dieser,
ein ziemlich mürrisch aussehcndcr, alter Herr, schien jedoch seinen
Wirth kaum zu beachten. „Sain Sc mer schainstens willkommen,
grnußmächtigstcr Herr Commendante," stotterte Löwenthal unter
tiefen Bücklingen; aber ein höchst unfreundlicher Blick, den ihm
sein hoher Gast zuwarf, schnitt Löwenthals beabsichtigte weitere
Bcwillkommnungsrede plötzlich ab. Auch als der Oberst nach
kurzer Zeit das Haus verließ, ging er nur ganz flüchtig grüßend
an Löwenthal vorüber. „Der Herr Commendante scheint mer
kain Freind von de Unterhaltung zu sein," sagte Löwenthal
achsclzuckend zu seiner Sarah, doch vermied er es von jetzt an,
dem Herrn Oberst cntgegenzutreten oder zu begegnen.

Wenn nun auch Löwenthnl weit lieber einen „unterhal-
tenderen" Herrn Offizier als Einquartirung gewünscht hätte,
so war er trotzdem stolz auf die seinem Hause widerfahrene
Ehre. Dieser Stolz erhöhte sich noch, als die Rcgiments-
standarte in sein Haus gebracht und im Vorzimmer des Obersten
aufgestellt wurde. Auf Annäherung zu seinem Gaste und aus
die gehoffte Unterhaltung mit demselben hatte Löwenthal ver-
zichtet, dagegen widmete er allen militärischen Vorgängen seine
ganze Aufmerksamkeit. Wenn früh Morgens die Uhlanen aus-
rücktcn, stand er gclviß schon ack Fenster, und ganz besonders
fühlte er sich geehrt, wenn der Standartenträger mit einer kleinen
Abtheilung Uhlanen vor sein Haus geritten kam, hier vom
Pferde stieg und dann die Regimcntsstandarte ans dem Vor-
zimmer des Obersten abholte. Die Ehrenbezeigungen, welche
bei dem Erscheinen der Standarte derselben stets von der ganzen
Schwadron erwiesen wurden, betrachtete Löwenthal immer gleich-
sam als auch seiner Person und seinem Hause dargebracht.

Schon mehrere Tage hatte sich derselbe Vorgang an jedem
Morgen wiederholt, da kam Lölvcnthal auf den Gedanken, daß

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